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Norderney erzählt

Das Baden an der hannoverschen Nordseeküste in alter Zeit

Hatten unsere Vorfahren in der von uns mit stiller Sehnsucht betrachteten guten alten Zeit für Reinlichkeit nicht viel übrig und liebten sie die Schminke mehr als ein Stück Seife, so kann man sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn man in alten Büchern nun erst über das Baden in der See liest.

Was ist ein Bad überhaupt? Die Antwort gibt ein altes Nachschlagewerk: "Eintauchen des Körpers oder einzelner Teile in eine Flüssigkeit, wobei die Oberfläche des Körpers längere Zeit hindurch mit jener in Berührung bleibt." Aha, nun kommt man ja der Sache schon erheblich näher. Aber dieses Baden fand nicht jedermanns Gefallen. Liselotte von der Pfalz äußerte sich darüber: "Baden wäre mein sache nicht, habe diese lust mein lebe lang nicht begreifen können." Goethe äußert über seine Jugendfreunde, die Grafen zu Stolberg: "Die Neigung zum Baden ist eine Verrücktheit."

Vor etwa 175 Jahren wurde in Deutschland die Frage aufgeworfen: "Wo gibt es ein Seebad?" Anregungen zur Gründung eines Nordseebades wurden gegeben. Englische Badeorte als Musterbeispiel hingestellt und dabei auch die Art des Badens in der See genau geschildert. Sehr empfohlen wurde der in England gebräuchliche zweirädrige Badekarren, "der ein von Brettern zusammengeschlagenes Häuschen trägt."

Es heißt hier unter anderem: "An der hinteren Tür befindet sich eine schwebende Treppe, über der ein freihängendes Seil befestigt ist. Man faßt mit beiden Händen das Seil und steigt hinab. Wer untertauchen will, hält den Strick fest und fällt auf ein Knie, wie die Soldaten beim Feuern im ersten Gliede. Wie lange man diesem Vergnügen nachhängen darf, hat der Arzt zu bestimmen. Nach meinem Gefühl war es vollkommen hinreichend, drei- bis viermal kurz hintereinander im ersten Gliede zu feuern und dann auf die Rückreise zu denken. Beim ersten Male ist zu raten, nur einmal unterzutauchen und sich dann anzukleiden und nie die Zeit zu überschreiten, da die angenehme Glut, die man beim Aussteigen empfinden muß, in Schauder übergeht."

Der badenden Damen ist besonders gedacht: "Da das schöne Geschlecht von Anfang, wie ich gehört habe, auch hier gegen das Unversuchte einige Schüchternheit äußern soll, so finden sich an den englischen Badeorten vortreffliche Kupplerinnen zwischen der Thetis und ihnen, die sie sehr bald wieder dahin bringen, selbst wieder Kupplerinnen zu werden. Dieses sind junge Bürgerweiber, die sich damit abgeben, die Damen an- und auskleiden zu helfen, auch eine Art von losem Anzug zu vermieten, der obgleich er schwimmt, doch beim Baden das Sicherheitsgefühl der Bekleidung unterhält, das der Unschuld selbst im Weltmeere so wie in der dicksten Finsternis immer heilig ist."

Eine ähnliche Badeanweisung sagt folgendes: "Mannspersonen, die schwimmen können, werfen sich auch wohl ohne den Schirm herunterzulassen, aus der Hintertüre in die See und schwimmen eine Zeitlang umher. Frauenzimmer nehmen gemeiniglich eine Frau mit, die zur Führerin dient und unter dem Schirme zuerst ins Wasser steigt, um die Badende unter den Armen aufzufangen und sie unterzutauchen."

Sehr aufregend wirkt der folgende Vorschlag: "Die Bademaschine wird nicht ins Wasser geschoben, sondern zurzeit der Flut demselben auf 6 bis 8 Schritt nahegebracht. Das Frauenzimmer kleidet sich in demselben aus und legt ein Badekleid von Flanell auf den bloßen Leib. Auf einmal öffnet sich dann die Tür des Wagens und eine alte oder junge Dame erscheint barfuß ohne Kopfbedeckung. Sie wird von zwei starken Weibern unter die Arme gefaßt, an das Wasser gebracht und indem das eine Weib sie mit untergeschlagenem Arme am Kopfe, das andere an den Füßen horizontal an der Erde hält, schlägt eine Welle, die angerollt kommt, über die Badende her und, wenn dieses mit 3 oder 4 anderen Wellen wiederholt ist, wird die so Gebadete wieder auf die Füße gerichtet und in den Badewagen zurückgeführt."

Was würden die Verfasser dieser Badgebrauchsanweisung heute sagen, wenn sie unsere Badeengel schwimmend und springend sähen? Ohne Flanell und ohne Hilfe zweier starker Weiber? Aber mitten mang die Männer!

M.

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