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Norderney erzählt

Aus einem Taschenbuch für Bade-Reisende

Nach der Insel Norderney giebt es von der Ostfriesischen Küste aus einen Weg, den man zu Pferde oder zu Wagen machen kann, ohne daß man jedoch auf dem festen Lande reiset. Der Weg geht zu dem Ende vom Städtchen Norden anderthalb Stunden weit, zum Flecken Hagen und bis zum Hilgenrieder Siel. Von hier legt man während der Ebbe, von einem eigends dazu bestellten Strandvoigt angeführt, auf einer nach der Insel hinreichenden Sandbank (Plate), die zur Zeit der Ebbe fast ganz ohne Wasser ist, den Weg nach der Insel zurück. Hierbei muß jedoch die Zeit der Ebbe genau gehalten werden, denn außerdem ist die Reise, wenn die Fluth überrascht, besonders im sogenannten Watt, mit Lebensgefahr verbunden. Gewöhnlicher ist der Weg zu Schiffe; der andere über das Watt wird nur von solchen Personen gewählt, die sich aus Furcht vor dem balkenlosen Meere einem Schiffe nicht anvertrauen mögen.

Am Deiche, unfern von Norden, gehen wöchentlich viermal Passagierschiffe, die bloß für Badegäste bestimmt sind, nach der Insel. In Norden belehren gedruckte Anzeigen den, welcher hinüber schiffen will, über den Abgang, welcher sich nach der Fluth richtet. Das Schiffgeld beträgt 8 Groschen.

Da sich kein Hafen auf der Insel befindet und das Wasser dort seicht ist, so gehen die Schiffe eine halbe Stunde vom Ufer an der Rhede vor Anker. Sobald das Schiff durch Aufziehen der Flagge seine Ankunft gemeldet, erscheint ein Boot vom Lande und bringt den Ankommenden näher nach dem Lande. Da aber das Boot sich dem Lande nicht völlig nähern kann, so bringt ein Korbwagen den neuen Gast, unter Musik und Jubel, vollends aufs Trockne und den harrenden Badegästen entgegen. Wer diese Ausgabe für das Boot scheuet, watet aufgeschürtzt, mit seinem Bündel auf dem Rücken nach der Insel.

Diese liegt nach Camps Karte von Ostfriesland 54° 42' 38" nördlicher Breite, und 24° 47' 26" der Länge, und kann in vier Stunden umgangen werden. Es ist sehr klar, daß sie früher mit dem festen Lande zusammengehangen. Sie zieht sich sehr schmal nach Westen in die Länge, ist östlich durch die Strömung (die Seelöcher) von Baltrum, südwestlich von der Insel Juist getrennt; südlich liegt das feste Land der Aemter Norden und Berum 11/4 Meile entfernt. Die Insel ist ganz aus Sand angeschwemmt, flach, aber mit süßem Wasser versehen. Pflanzen wachsen üppig zwischen den Dünen, hier Cistus guttatus mit der gelben Blume, und Hippophaö rhamnoides mit ihren gelben Beeren, dort Glaux maritima, Hordeum maritimum, Rosa spinosissima etc. Unter 113 verschiedenen Arten von Seefischen ergötzt der Tümmler (Delphinus Phocaena), der sich in großer Menge am Watt aufhält, durch seine seltsamen Bewegungen, seine abenteuerliche Gestalt, und das Spritzen des Wassers aus den hintern Nasenlöchern. An Seevögeln, Seethieren, Konchylien und Zoophyten ist ein solcher Ueberfluß, daß man mit leichter Mühe Sammlungen anlegen kann. Aus letztem bestehen ganze Stellen des Ufers, und die Inseljugend bietet um Weniges die schönsten zum Verkauf an.

Hinter den Sanddünen der südöstlichen Inselhälfte, die, bisweilen 60 bis 80 Fuß hoch, nur in innern Thälern bewachsen, mit wilden Kaninchen, Bergenten und zahllosen Seevögeln belebt sind und einem Meere von versteinerten Wellen gleichen, steht auf der nord-westlichen Seite das Dorf von 106 Häusern mit einer Kirche. Die 550 Insulaner, gerade, ehrliche Menschen, sehr reinlich, meist Schiffer von Handwerk, haben auf 60 bis 70 Zimmer zugerichtet, die sie an Badegäste ablassen und in welchen holländische Reinlichkeit herrscht.

Das Badehaus, massiv und reinlich, enthält die Badezimmer, auch ein Tropf- und ein Regenbad.

Auch ein Konversationshaus ist längst erbaut. Es hat einen Saal zur Wirthstafel für 100 Gedecke, ein Billard, und mehrere Thee- und Spielzimmer; vor sich ein Gehölz und eine angenehme Aussicht nach der See; überhaupt eine recht anziehende Lage.

Erst im Jahre 1818 ist von dem Hannöverischen Gouvernement ein neues stattliches Logirhaus mit mehrern Anderm eingerichtet und überhaupt viel gethan worden. - Zwei Schuppen beherbergen die Badekutschen während der Nacht und bei Regenwetter.

Norderney ist das älteste Seebad der Nordsee, das die ostfriesischen Stände neuerdings auf eigne Kosten eingerichtet, da es in den kriegerischen Zeiten sehr gelitten und das Konversationshaus sogar in eine Kaserne verwandelt worden war. In den Jahren 1817 und 1818 sind auf 12 000 Thlr. daran gewendet worden. Es wird Norderney immer stärker besucht und seine Bäder äußern eine herrliche Wirkung.

Am Nordweststrande sind die kalten Seebäder angelegt. Als etwas Eigenthümliches bemerkt man hier, daß, so verschieden auch die Winde wehen mögen, doch bei Ebbe und Fluth die Wellen stets einerlei Richtung nach dem Ufer hin zeigen. Der Wassergrund ist derb und sandig.

Man badet mittelst Badekutschen, nach engländischer Art, mit vier breiten Rädern, der Kasten hinten nach der See zu offen, auf der entgegengesetzten Seite die Deichsel, an welcher die Kutsche in die See geschoben wird; ein zeltartiger Faltschirm verbirgt den von der Kutsche nach der See Hinabsteigenden; mit einer Klingel wird das Zeichen zur Rückkehr gegeben. Männer werden von Männern, Frauen von weiblicher Dienerschaft begleitet. Diese sind so gute Seekenner, daß man sich unbedingt auf sie verlassen kann, und welche gegen eine kleine Erkenntlichkeit sehr gern beim Abtrocknen und Ankleiden behülflich sind.

Die warmen Bäder nimmt man in den Häusern, wo man wohnt, oder in den Badezimmern des Badehauses, welches letzte für diejenigen das bequemste ist, welche in dem Logirhause wohnen. - Das Bad von Norderney wird jederzeit im Julius eröffnet, wo
der Medizinalrath v. Halem von Aurich hierher kömmt, dem man eigentlich die Errichtung dieser Anstalt zu danken hat.

In dem Logirhause wohnt man trefflich und am bequemsten. Doch sind auch die Wohnungen der Insulaner recht reinlich und nett. In ihnen kosten zwei Stuben mit dem nöthigen Hausgeräthe und zwei Betten wöchentlich 3 bis 4 Thlr.

Die Badekutschen sind von früh 6 Uhr an zu haben bis zu Sonnenuntergang; für den jedesmaligen Gebrauch zahlt man 4 Groschen. Der Preis eines warmen Bades beträgt 12 Gr. und mit einem Badekleide von Flanell 14 Gr.

Ein bestallter Oekonom versieht die Küche stets mit guten Nahrungsmitteln; für das Gedeck an der Wirthstafel zu 3 Gerichten bezahlt man 12 Gr.

Ein Wein- und Kaffeehaus findet man beim Voigt der Insel. Modewaren-Handlungen und Krämer verschiedener Art kommen im Sommer von Aurich hierher. Politische und andere deutsche Unterhaltungsblätter findet man im Konversationshause.

An Spaziergängen herrscht keine große Abwechselung; man wandert gemeiniglich an dem Meeresufer, oder im Gehölz, dem einzigen der Insel. Die Dünen zu ersteigen, hindert gemeiniglich das beschwerliche Sandwaden, obschon die weite Aussicht aufs Meer und der Blick in die innern bewachsenen Schluchten der Dünen der Mühe lohnt. Die Fluth, dieses merkwürdige Schauspiel, ist besonders interessant. Sie steigt gewöhnlich 8 Fuß; aber starke Stürme treiben das Wasser wohl auf 20 Fuß nahe bis zu den Häusern des Dorfs. Nicht selten segeln daher schwer beladene Schiffe über denselben Meeresgrund, auf dem der Spaziergänger bei der Ebbe, Muscheln und andre Seethiere vor Kurzem erst gesammelt.

(1819)

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