Zum Jahr1398Zum Jahr 1797Zum Jahr 1849Zum Jahr 1862Zum Jahr 1873Zum Jahr 1948Zum aktuellen Jahr PDF-Download Sitemap Hilfe

Klick Insel/Stadt | Insel und Küste | Norderney erzählt | Seite 8

Norderney erzählt

Zwei Briefe Bismarcks

I.
Norderney, 8. August 1844

Lieber Vater!

Ich bin vorgestern früh glücklich, wenn auch etwas später, als ich wollte, hier eingetroffen. Meine Reise fing gleich damit an, daß ich in Tangermünde, ich weiß nicht wieviel Stunden, bis gegen 10 Uhr abends warten mußte und mich dabei merkwürdig langweilte, das Dampfschiff war ziemlich besetzt, und zur Nacht noch schlechter eingerichtet, als auf unserer Reise nach Hamburg, da die hintere Hälfte der großen Cajüte für Damen abgeteilt war. Ich habe deshalb in Gesellschaft zweier Engländer die Nacht mit Grog und Politik zugebracht, zum großen Kummer für die Mitreisenden, die gute Plätze hatten und schlafen wollten. Gegen fünf waren wir in Magdeburg.

Zum Nachmittag kam ich nach Hannover, wo ich bis Montag morgen blieb, und mich sehr gut unterhalten habe. - Am Montag ging erst das Weserschiff, mit dem ich fahren wollte, und ich fand dazu eine sehr gute Reisegesellschaft in der Familie des Kriegsministers Grafen Kielmansegg, mit denen ich erst von Hannover nach Nienburg zu Lande, und von da in 2 Tagen zu Schiff hierher kam; in gedachter Familie befanden sich drei sehr artige Töchter, unter die ich mein Herz während der Reise mit strenger Gerechtigkeit verteilt habe.

Als wir in See kamen, fing es heftig zu regnen an, und etwa 2 Meilen von der Insel Wangerog liefen wir auf einer Sandbank fest, so daß wir die Nacht über liegen bleiben mußten, um die Flut abzuwarten. Während der Zeit überfiel uns das tollste Gewitter, welches ich je gesehen habe; zum Glück ganz ohne Wind, aber wohl zwei Stunden mit wenig unterbrochenem Donner und Blitz. Ich war mit Herrn von Friesen aus Rammelburg und dem Capitän allein auf dem Verdeck, als ein betäubender Schlag, mit Donner und Blitz ganz zugleich fiel; Friesen und ich taumelten auseinander, und jeder dachte vom Andern, er brennte; der Strahl hatte einige Schritte von uns den Kettenkasten getroffen und an der aushängenden Kette seinen Weg ins Wasser genommen. In derselben Minute erfolgten noch 3 ähnliche Schläge in der unmittelbarsten Nähe des Schiffes, so daß die ganze See um uns aufbrauste. Einige Damen wurden ohnmächtig, andre weinten, und die Stille in der Herrencajüte wurde nur durch das laute Beten eines Bremer Kaufmanns unterbrochen, der mir vorher viel mehr auf seine Weste als auf seinen Gott zu geben schien. Als ich mich nach dem Schlage, der das Schiff traf, mit der Frage an den Capitän wandte, wo der Blitz wohl sitzen möchte, war dieser Mann gänzlich außer stande zu antworten. Er war blaublaß im Gesicht, die Lippen bebten ihm wie im Fieberfrost, und er war fast ohne Besinnung. Ich hätte wohl sehen mögen, was für Kommando er hätte geben können, wenn das Schiff etwa in Brand geraten wäre. Gegen mich geriet er in eine abergläubische Aufregung, die er erst später zu äußern imstande war, weil ich zur Beruhigung der alten Gräfin von K., die in größtem Schreck an die Tür stürzte, einige Scherze über den Donner machte. übrigens stand unsere Partie wirklich schlecht, da das Schiff der einzig anziehende Punkt für die Blitze war, das Gewitter gerade über uns, und wenn wir brannten, oder der Kessel zerschlagen wurde, so faßte unser Boot noch nicht den vierten Teil der Gesellschaft, und wir waren zwei Meilen vom Lande. Das Gebet des Bremer Herren rettete uns diesmal noch.

Dienstag früh kamen wir hier an. Das Bad ist charmant, namentlich ein herrlicher sandiger Strand, ein schönes großes Gesellschaftshaus.

Des Vormittags, nach oder vor dem Bade, wird Kegel geschoben mit riesenhaften Kugeln, außerdem verteilt sich die Zeit auf Whist und Pharaospielen, moquieren und hofiren mit den Damen, spazieren am Strande, Austern essen, Kaninchen schießen und des Abends ein bis zwei Stunden tanzen. Eine einförmige, aber gesunde Lebensweise. Soeben bringt man mir das gebräuchliche Ankunftsständchen, wofür ich einen Taler werde bezahlen.

Ich denke im Ganzen etwa 5 Wochen hier zu bleiben, und komme auf der Rückreise jedenfalls über Sdiönhausen. - Ob ich wieder über Hannover gehe, weiß ich noch nicht, gern möcht ich aber noch einmal nach Bremen, wenn auch nicht, um wieder 1624er Rüdesheimer zu trinken, doch um mir die sehr schönen, gut erhaltenen alten Gebäude näher anzusehen, und mir Zigarren auszusuchen, wozu ich neulich, bei einem Aufenthalt von fünf Stunden des Nachts, nicht die Zeit hatte. Das Rathaus ist eins der wenigen alten Denkmäler, die ganz unversehrt aus alter Zeit geblieben sind, und hat mir viel besser gefallen, wie der saure alte Rheinwein darin, der wie Essig schmeckt, aber auf sehr schönen alten Fässern liegt, die bis zu 3000 Flaschen halten, die Flasche zu 2-3 Taler Gold.

Dein gehorsamer Sohn Bismarck

II.
Norderney, 9. 9. 1844


Teure Kleine!

Seit 14 Tagen hatte ich mir vorgenommen, Dir zu schreiben, ohne bisher dazu gelangen zu können. Wenn Du neugierig bist, welches diese Geschäfte sein möchten, so bin ich wirklich außerstande, Dir ein vollständiges Bild davon zu entwerfen, da ihre Reihenfolge je nach dem Wechsel von Ebbe und Flut, täglich die mannigfachsten Veränderungen erleidet. Man badet nämlich nur zur Zeit des höchsten Wassers, weil dann der stärkste Wellenschlag ist, - eine Zeit, die zwischen 6 morgens und 6 abends täglich um eine Stunde später eintritt - und in angenehmer Abwechslung die Vorzüge eines windkalten, regnichten Sommermorgens bald in Gottes herrlicher Natur unter den erhebenden Eindrücken von Sand und Seewasser genießen läßt, bald in meines Wirtes Mousse Onnen Fimmen fünf Fuß langem Bett unter den behaglichen Empfindungen, die das Liegen auf einer Seegrasmatratze in mir zu erwecken pflegt. Ebenso wechselt die Table d'hote ihre Zeit nach zwischen 1 und 5 Uhr, ihren Bestandteilen nach zwischen Schellfisch, Bohnen und Hammel an den ungraden, und Seezunge, Erbsen und Kalb an den graden Tagen des Monats, woran sich im ersten Falle süßer Gries mit Fruchtsauce, im zweiten Pudding mit Rosinen anschließt. Damit das Auge den Gaumen nicht beneidet, sitzt neben mir eine Dame aus Dänemark, deren Anblick mich mit Wehmut und Heimweh füllt, denn sie erinnert mich an Pfeffer in Kniephof, wenn er sehr mager war, sie muß ein herrliches Gemüt haben, oder das Schicksal war ungerecht gegen sie, auch ist ihre Stimme sanft, und sie bietet mir zweimal von jeder Schüssel an, die vor ihr steht. Mir gegenüber sitzt der alte Graf Beust, eine jener Gestalten, die uns im Traum erscheinen, wenn wir schlafend übel werden, ein dicker Frosch ohne Beine, die vor jedem Bissen den Mund wie ein Nachtsack bis an die Schultern aufreißt, sodaß ich mich schwindelnd am Rand des Tisches halte. Mein andrer Nachbar ist ein russischer Offizier; ein guter Junge gebaut wie ein Stiefelknecht, langer schlanker Leib und kurze krumme Beine.

Die meisten Leute sind schon abgereist, und unsere Tischgesellschaft ist von 2-300 auf 12-15 zusammengeschmolzen. Ich selbst habe mein Deputat an Bädern nun auch weg und werde mit dem nächsten Dampfschiff, welches übermorgen erwartet wird, nach Helgoland abgehen und von dort über Hamburg nach Schönhausen kommen. Ich kann indes den Tag meiner Ankunft nicht bestimmen, weil es nicht gewiß ist, daß das Dampfschiff übermorgen kommt; in den Bekanntmachungen ist diese Fahrt zwar angesetzt, sie pflegen aber die letzten Reisen, wie man mir sagt, oft fortzulassen, wenn sie keine hinreichende Anzahl von Passagieren erwarten, um ihre Kosten zu decken. Wenn also das Dampfboot übermorgen ausbleibt, so beabsichtige ich den Donnerstag mit einem Segelboot nach Helgoland zu fahren; von dort ist zweimal wöchentlich Verbindung nach Hamburg.

Soeben meldet mir der Jäger des Kronprinzen, daß ich für heut auf die Annehmlichkeiten der table d`hote verzichten soll, um zum letzten Mal bei JJ. KK. HH. zu essen, wo man im ganzen besser lebt. Dieser Hof ist überhaupt sehr liebenswürdig. Die Kronprinzessin ist eine sehr heitere und liebenswürdige Dame, tanzt gern und ist munter wie ein Kind. Gestern machten wir im dicksten Nebel eine Landpartie in die Dünen, kochten draußen Kaffee und späterhin Pellkartoffeln, sprangen wie die Schuljugend von den Sandbergen, und obgleich incl. Prinzessin nur vier Paare, tanzten wir, bis es finster wurde, auf dem Rasen und machten wie die Tollen bockspringende Ronden um unser Feuer, kindlich und champetre, an ne peut pas plus. Dergleichen Partien, auch Seefahrten, bei denen die Herrschaften gewöhnlich krank wurden, haben wir öfter gemacht, und ich muß sagen, daß diese Hofgesellschaft, vor den meisten übrigen hier, wenigstens den Vorzug der Ungezwungenheit hatte. Unser Freund Malortie scheint indessen diese Ansicht nicht zu teilen, und sieht stets gelangweilt und verdrießlich aus. Nur bei Whist und Zigarren scheint er sich etwas heimischer zu fühlen. IM Ganzen ist es mir doch lieb, daß ich ihn nicht geheiratet habe; er ist meist ansteckend langweilig, seltene lichte Augenblicke ausgenommen. Das Baden gefällt mir hier sehr, und so einsam es ist, bleibe ich nicht ungern noch einige Tage. Der Strand ist prächtig, ganz flach, ebener, weicher Sand ohne alle Steine, und Wellenschlag, wie ich ihn weder in der Ostsee noch bei Dieppe gesehen habe. Wenn ich eben noch bis an die Knie im Wasser stehe, so kommt eine haushohe Welle (die Häuser sind hier nicht so hoch wie das Berliner Schloß) dreht mich zehnmal rundum und wirft mich 20 Schritt davon entfernt in den Sand, ein einfaches Vergnügen, dem ich mich aber täglich con amore so lange hingebe, als es die ärztlichen Vorschriften irgend gestatten. Mit der See habe ich mich überhaupt sehr befreundet; täglich segle ich einige Stunden, um dabei zu fischen und nach Seehunden und Delphinen zu schießen, von letzteren habe ich nur einen erlegt; ein so gutmütiges Hundegesicht mit großen schönen Augen, daß es mir ordentlich leid tat. Vor 14 Tagen hatten wir Stürme von seltener Heftigkeit; einige zwanzig Schiffe aller Nationen sind an den Inseln hier gestrandet, und mehrere Tage lang trieben unzählige Trümmer von Schiffen, Utensilien, Waren in Fässern, Leichen, Kleider und Papiere an. Ich selbst habe eine kleine Probe gehabt, wie Sturm aussieht; ich war mit einem fischenden Freunde, Tonke Harns, in 4 Stunden nach der Insel Wangerog gefahren; auf dem Rückwege wurden wir in dem kleinen Boot 24 Stunden umhergeschaukelt und hatten schon in der ersten keinen trockenen Faden an uns, obgleich ich in einer angeblichen Kajüte lag. Zum Glück waren wir mit Schinken und Portwein hinreichend verproviantiert, sonst wäre die Fahrt sehr verdrießlich gewesen.

Herzliche Grüße an Vater, desgl. an Antonie und Arnim. Leb wohl, mein Schatz, - mein Herz!

Dein treuer Bruder Bismarck


Vorherige Seite  Inhalt  Nächste Seite

Seite 8

Norderney erzählt
 Norderney erzählt Logo der Chronik© 2002-2018 H.-H. Barty Zum Seitenanfang