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Norderney erzählt

Nächtliches Drama in See

1.

Der Mann auf Station Bremerhaven, Amt Unterweser, notierte: "Seefischer Kassen Harms, Norderney, Kutter ,St. Peter', Fische gelöscht, acht Uhr fünfzig in See, Ziel Norderney."

Die Sonne war um sieben Uhr zwanzig untergegangen. Das Barometer zeigte auf 756. Die Brise nahm zu. Aber Kassen Harms hatte gesagt: "Ach war, lat uns man losgahn."

Jann Jannssen Fimmen, auch von Norderney, saß noch bei "Muttern Schramm" in der Kneipe am Pier, als der Kassen aus dem Hafen ging. Aber Volkert Giessen, einer von den Fimmenschen, hatte gesehen, wie der "St. Peter" Großsegel und Besan hochgehen ließ. Da war er rübergelaufen zu seinem Dienstherrn und hatte es ihm gesteckt: "Kaptän, Kaptän, der Kassen macht los."

Eine Viertelstunde später lief auch der Jann Jannssen Fimmen aus. Heiko Schramm, der Bengel vom Pier, der die Leinen vertäuen half, zählte die Sekunden an den Fingern ab, bis die mächtigen Segel, rotbraun von Eichenlohe, im Dunkel der Nacht verschwunden waren.

2.

Am nächsten Morgen, gegen neun Uhr, machte Jann Jannssen Fimmen am Pier von Norderney fest. Der Sturm der Nacht hatte sich ein wenig beruhigt. Die Wolken gingen in schneller Fahrt über die Insel, dünn und zerfetzt.

Als erster ging Peter Gerdes an Land. Ohne ein Wort verließ er den Kutter und eilte, sein Zeug unterm Arm, über die Weide aufs Dorf zu.

Die anderen beiden, Volkert Giessen und Jann Fimmen, der Kaptän, steckten noch unten im Logis. Sie saßen dort in Zeug und Mütze wohl eine halbe Stunde auf ihren Kisten, bis eine dünne Stimme von Land sie weckte.

"He, Fimmen, best du min Vadder ne sehn?”
Es war der kleine Heiko, der vom Dach eines Schuppens aus vergeblich nach dem Schiff seines Vaters Ausschau hielt. Fimmen hatte stark getrunken, war schon angetrunken an Bord gegangen in Bremerhaven. Er kroch nun aus der Koje heraus und stolperte über die Fischkästen an Land.

"He, Fimmen, hest du min Vader ne sehn?"
Jann Jannssen Fimmen war so betrunken, daß er nicht mehr wußte, was er sprach. Alles konnte Heiko auch nicht verstehen, denn er stand oben im Wind, dazu warf Volkert Giessen die leeren Fischkästen mit Gepolter von Bord. Aber ein paar Worte hat er doch genau verstanden:

"Die Schmierlappen haben uns die Nacht angesegelt!"
Er ist gleich nach Haus gelaufen, hat es erzählt. Eine Stunde später wußte es das ganze Dorf. »Der Harms und der Fimmen haben sich heute Nacht auf See gerammt."

3.

Die Männer von Norderney standen den langen Tag im Wind der Marienhöhe und hielten vergeblich Ausschau nach dem "St. Peter".

Auch der kleine Heiko kam einmal. Er stand unter den Männern so mutig, gefaßt wie ein Erwachsener.

"Dat sucht man net moi ut för din Vader!" sagte einer von den Männern.
Jann Jannssen Fimmen lag den ganzen Tag in seinem Bett und war nicht zu wecken. Ehm Lührs, der ihm begegnet ist, als er vom Hafen kam, hat auch bemerkt, daß er nach Branntwein roch gegen den Wind.

4.

Als der Schiffer Jann Jannssen Fimmen vom Vogt über den Unglücksfall vernommen werden sollte, besonders aber, ob und welche Hilfe er dem untergegangenen Schiff geleistet habe, war er schon wieder in See gegangen. Mit ihm Volkert Giessen, der auch in der Nacht dabei gewesen war.

5.

Vier Tage darauf trieben Schiffstrümmer in der Jade an Land. Es waren die beiden Schwerter des "St. Peter", von denen eins deutlich die Spuren eines Stevenstoßes trug.

Am Sonntag darauf kündete Pastor Engelkes von der Kanzel herab: "Es starben den Seemannstod auf hoher See der Schiffer Kassen Harms, sein Steuermann Peter Heien und Johann Volkert Visser. Wir sind allesamt Sünder und harren Deiner Gnade. Herrgott, nimm die Seelen der Ertrunkenen gnädig auf."

6.

Es meldeten sich nun Martje und Trientje Oxhof beim Amt, die sagten aus, daß der Fimmen bei seiner Heimkehr nach der Unglücksnacht zu seiner Frau geäußert habe, der Kassen Harms sei versoffen und komme nicht wieder. Sie hätten sich in der Nacht gerammt. Das wollten die von der Fimmenschen Magd wissen, die es mit eigenen Ohren gehört.

Es meldeten sich ferner der Peter Gebult Peters, Jann Jansen Kluin und Ehme Lührs, sämtlich von Norderney, und erzählten von Drohungen, die der Fimmen dem Kassen gegenüber ausgestoßen habe. Er werde ihn schon zu treffen wissen auf irgendeinem Fahrwasser und durchsegeln, daß er ihm nicht wieder in den Weg komme. Das habe der Kassen ihnen selber erzählt.

Es meldete sich ferner Jakob Mammen von Nessmersiel, der sagte für seinen Schwiegersohn, den Fimmenschen Gehilfen Gerdes, aus. Dieser sei unschuldig an dem Unglück, denn er habe geschlafen, als die beiden Schiffe zusammengestoßen. Durch den Stoß aber aus dem Schlafe geweckt, habe er dem Kassenschen Schiffe Hilfe bringen wollen. Doch man habe ihm zur Antwort gegeben, er würde selber über Bord gehen, wenn er eine Hand zur Rettung rührte.

7.

Jann Jannssen Fimmen lag den sechsten Tag mit seinem Kutter am Pier von Bremerhaven und machte nicht wieder los. Seine Fische hatte er längst verkauft, seinen Steuermann hatte er entlohnt, er selbst steckte den Tag über im Logis; wenn es dunkel geworden, ging er herüber zur Kneipe, sich Essen zu holen und eine Buddel Schnaps.

So saß er in seiner Koje und wartete, bis Leute vom Hafenamt kamen, Hand an ihn legten und ihn mit sich nahmen. Er leistete keinen Widerstand.

(Der Untergang des Schiffers Kassen Harms
11./12. April 1863 - Mit veränderten Namen nacherzählt nach Akten aus dem Archiv des Gesamthauses Braunschweig-Lüneburg).


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