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Norderney erzählt

Der alte Kapitän

Friesenblut rollte in seinen Adern, und dem Drange seiner Vorfahren folgend, zog es ihn hinaus auf die See. Die wilde Nordsee sollte sein Feld werden, auf ihr und mit ihr wollte er leben, und so kam er, eben der Schule entlassen, auf einem kleinen Küstensegler an Bord, wo er neben dem Schiffsführer als "Junge" das Mädchen für alles war. Seine Wiege stand auf Westrhauderfehn, einem jener kleinen eigenartigen Dörfer des Friesenlandes, deren Bevölkerung zum größten Teil der Schiffahrt obliegt. Nur wenige Tage im Jahr ist der Vater oder der Sohn daheim; auf ihren kleinen Segelschiffen (Tjalken) verbringen sie den größten Teil ihres Lebens, das reich an Entbehrungen und Gefahren ist. Die Schifferchronik erzählt von vielen Unglücksfällen. Mancher Vater nahm lachend von Frau und Kindern Abschied, mancher Sohn schied hoffnungsvoll von der Mutter, und beide bekamen die weltentlegene friedliche Heimat nie wieder zu sehen. Das wilde Meer, dem sie sich anvertraut, wurde ihr Grab. Seemannslos!

Als der kleine Fehntjer mit dem alten ostfriesischen Namen Dirk zum ersten Male die Planken der Tjalk betrat, mit der er seine erste "Weltreise" antreten sollte, und mit Mühe und Not seine Seekiste, ein altes Familienerbstück, in der kleinen Kajüte verstaut hatte, war ihm doch etwas anders ums Herz geworden. Er hatte es von seinen wenig älteren Schulkameraden, die sich den Seewind schon um die Nase hatten wehen lassen, erfahren, daß das Leben an Bord alles andere als rosig war. Ein hartes, arbeitsreiches Dasein, schlaflose Nächte bei Sturmwind und Regen mit knurrendem Magen, ein karger Verdienst, das war die vor ihm liegende Zukunft. Aber was half es; dieses Lied war ihm wie so vielen schon an der Wiege gesungen. Seemann mußte er werden, das war Familientradition.

Ja, die See, die Nordsee - von der hatte er schon so vieles gehört, aber gesehen? - Nur auf der vergilbten Wandkarte in der Schule hatte er die Nordsee gesehen, wenn der alte Lehrer mit dem Rohrstock flüchtig die Umrisse derselben andeutete und von einer Mordsee sprach.

Nun war es soweit. Jetzt stand er auf einem Boden, der für ihn eine neue Welt, eine neue Heimat werden sollte. Als Kind hatte er so oft, fast täglich, auf den auf dem Fehn liegenden Tjalken gespielt und die Planken liebgewonnen, die heute nun die neue Muttererde sein sollten - sein mußten. Aber nein, sie waren es nicht, sie sahen ganz anders aus wie und doch. - Seine Füße, beschuht mit den stumpfen rindsledernen Halbschuhen, die ihn schon einmal da hatte er die Schuhe zum ersten Male an, es war am Tage seiner Konfirmation - erst etwas zögernd, dann aber doch sicherer werdend, in eine andere Welt führten, drängten zum Vorwärtsschreiten.

Die Ladung seines Schiffes bestand aus Torf, und als Dirk die hohe Deckslast betrachtete, umspielte seinen Mund ein glückliches Lächeln. Heimaterde eine kostbare Ladung führte sein Schiff mit sich.

"Dirk!” Die Stimme des Schiffers weckte ihn aus seinen Träumen. "Enden los!" Dirk trat seine Weltreise an.

Der Wind war günstig; vielleicht hatte er Mitleid mit dem Jungen. Drall standen die Segel, und in flotter Fahrt zog die "Antje" im Frühlingssonnenschein das Fehntief hinunter. Dirks Brust hob sich, ein stolzes Gefühl bemächtigte sich seiner. Jetzt war er ein -
"Dirk!" "Käpp'n?"

Ein neuer Befehl hieß ihn Tee zubereiten und Kartoffelschälen, gerade in dem Augenblick, als sein Heimatdorf, sein liebes Fehn, an einer Kanalbiegung sich verabschiedete. Dirk erhaschte noch als letztes Zeichen von zu Haus sich im Winde drehende Mühlenflügel. Dann trat er gebückt in das Roof.

Auf dem kleinen viereckigen Ofen sang der Wasserkessel eine heimatliche Melodie, daneben brodelte der rauchgeschwärzte Emaille-Teetopf. Auf dem umrandeten Bord einige henkellose Tassen, an der Wand eine kleine Schiffsuhr und eine Bratpfanne; ein kleiner Schrank, einige verblaßte Bilder und biblische Sprüche sowie eine kleine Petroleumlampe vervollständigten Inhalt und Schmuck dieses viereckigen Deckaufbaus, aus dem ein altes Ofenrohr mit Haube ein halbes Meter hoch hervorragte. Hier war sein Betätigungsfeld, wenn er nicht an Deck benötigt wurde.

Dirk tat wie ihm geheißen, schüttete den Rest des Teetopfes über Bord und setzte frischen Tee an, so wie es die Mutter zu Hause ihn gelehrt hatte. Dann
entnahm er der einer Seekiste ähnelnden Sitzbank einige Kartoffeln und begann, diese zu schälen. Hin und wieder warf er einen Blick durch die obere Hälfte der Rooftür hinaus, um etwas Land zu erhaschen, aber er sah weiter nichts als das bärtige Gesicht seines Schiffers, der am Ruder stand und dann und wann einen flüchtigen Blick zum Topp des Schiffes warf. Die Kauwerkzeuge des Alten bearbeiteten mächtig den großen Priem, und ab und zu flog in großem Bogen der braune Tabakssaft über die Reeling in den Fehnkanal, auf dem die "Antje" leicht dahinglitt.

Der kurze Vormittag verrann im Fluge. Mittag ging vorüber, und als am Nachmittag von weither eine Vesperglocke ihre Klänge zur "Antje" herüber-trug, fielen die Segel an Deck, und gleich darauf lag das Schiff vertäut am Kanalufer, unweit einer Kanalbrücke. Für heute hatte die angetretene "Weltreise" ihr Ende und mit einem "klar Deck, Dirk", legten der Käpp'n und sein "Steuermann" Hand an, Segel und Tauwerk zu ordnen.

Kaum hatte die Abenddämmerung eingesetzt, als nach einem einfachen Abendbrot die Schiffsbesatzung "zur Koje ging". Lange wollte bei Dirk der Schlaf nicht kommen. Am Rumpf der "Antje" plätscherte das Wasser des Kanals und im Tauwerk sang der Aprilwind sein Abendlied. -

Die rauhe Stimme des Schiffers weckte ihn am frühen Morgen aus einem unruhigen Schlummer. Schnell war er aus der Koje; Halbdunkel herrschte noch. Seine erste Arbeit war Feuer zu machen, und als der Käpp'n nach "oben" kam, war der Tee schon fertig. Kaum hatte Dirk seine Scheibe Schwarzbrot mit Speck verzehrt, als ein "Hiev up" des Käpp'n ihn an Deck rief. Der Wind war während der Nacht umgeschlagen und stand schief von vorn, so daß an Segeln nicht zu denken war. Wollte man weiter, so mußte man trecken, und nach geraumer Zeit lag Dirk in den Sielen. So ging es den ganzen Tag bis zum Spätnachmittag, und als er, müde wie ein Hund, der den ganzen Tag vor der Karre gelaufen ist, in der Koje lag, überkam ihn ein bitterer Beigeschmack zur Seefahrt. Heute hatte er kaum eine Stunde die Planken des Schiffes betreten. Vorübergebeugt in den Sielen hatte er fast den ganzen Tag über auf dem ausgetretenen Weg am Kanalufer nach vorne gestrebt. Wie oft er diesen Weg wohl noch gehen mußte?

Weitere Tage vergingen unter Trecken und Segeln, bis man das Flußbett der Ems erreicht hatte. Dirk, der die letzten Tage den Mut hatte vollends sinken lassen und nahe daran gewesen war, mit dem stets "seeklar" liegenden Tauende Bekanntschaft zu machen, atmete wieder auf.

Auf der Ems blähten sich die Segel, die "Antje" hatte günstigen Wind. Käpp'n stand am Ruder mit der brennenden kurzen Pfeife im Munde und Dirk lehnte an der Decksladung am Bug des Schiffes. Er hatte nur Augen für die Uferbilder und die passierenden anderen Schiffe und Dampfer, bis der Ruf "R-e-e" des Käpp'n ihn aus seinem Staunen riß.

Je weiter sie stromabwärts kamen, je weiter entfernten sich die Ufer der Ems und bald lag vor ihnen der Dollart, der friesische Meerbusen, der früher viele blühende Dörfer verschlungen hatte. Dirk schaute über die Reeling auf das blau-grüne Wasser des Dollarts und wenn nicht ein neues "R-e-e" des Käpp'n ihn aus seiner "Tiefseeforschung" aufgeschreckt hätte, er hätte vielleicht die Ruinen von anno dazumal entdeckt.

Vorn am Bug der "Antje" plätscherten die Wasser des Dollarts und das "Plätschern" klang ihm in die Ohren wie daheim im Fehntief die vom Wind getriebenen Kräusel des Wasserspiegels, wenn sie gegen das Ufer stießen. - Doch was war das? Die "Antje" fing auf der leicht bewegten Flut an zu tänzeln, als sie eben die Emsmündung erreicht hatten und an Backbord in der Ferne das holländische Delfzijl herüberwinkte. Als nun gar ein kleiner Dampfer den Segler passierte, da wußte Dirk nicht mehr, wie ihm geschah. Was machte denn die "Antje" für Bewegungen, und wie regte es sich in seinem Innern? Krampfhaft hielt er sich an den Wanten fest und gab Aegir, dem Meeresgott, den ersten Tribut, dem bald ein zweiter folgte. Hatte denn die "Antje" gar kein Einsehen mit ihm? Immer noch tanzte sie wie toll auf der Flut, und in der Ferne tauchten kleine weiße Wellenköpfe auf. Auf einmal brandete vor dem Bug eine kurze Grundsee, erreichte soeben das Deck, und zum ersten Mal küßte die Nordsee den Jungen. - Wie oft würde sie ihn noch küssen?

Krank - elend - und doch immer wieder aufgerafft durch die "harten" Worte des Käpp'n stand Dirk an Deck des Schiffes, und nach unzähligen "R-e-e" ankerte die "Antje" nach Stunden in der Slapers-Bucht auf dem Wattenmeere zwischen Hamburger Sand und dem ostfriesischen Festlande, der nordwestlichsten Ecke des deutschen Vaterlandes.

Stunden angestrengter Arbeit lagen hinter dem Käpp'n und dem Jungen, und als beide nach kargem Abendbrot die müden Glieder zur Ruhe streckten, zeigte das rhythmische Schnarchen des "Alten" an, daß er sich mit seiner "Antje" geborgen fühlte. Bei Dirk aber wollte der Schlaf trotz Müdigkeit lange nicht kommen. Zum ersten Mal schaukelte ihn, den Friesensohn, die Nordsee - sein Feld.

*

Nach unruhig verbrachter Nacht, woran nicht zuletzt das Schlingern der "Antje" mitschuldig war, kroch Dirk aus der engen Koje und wollte mit seinem Tagewerk beginnen. Doch was war das? Bleischwer lag es ihm in den Gliedern und im Kopfe brannte es ihm wie Feuer. Er trat unsicher an Deck und hielt sich am Roof, eben als die aufgehende Sonne die ersten Strahlen über das erwachende Wattenmeer sandte und dem Friesensohn eine frische Morgenbrise die heiße Stirn fächelte. Dirk fühlte sich zum Sterben elend und überlegte, ob er nicht dem Käpp'n davon Mitteilung machen sollte, als dessen bärtiger Kopf aus der Tiefe der Kajüte auftauchte. Als er den Jungen erblickte und seinen Zustand gewahrte, fragte er ihn teilnahmsvoll: "Jung', büst du krank?" -

Unter der rauhen Schale des alten Schiffers schlug mitleidsvoll das Herz und eine Erinnerung an seine erste Seereise wurde in ihm lebendig.

"Nä, Käpp'n" — Die weiteren Worte blieben ihm in der Kehle stecken und ein feuchter Schimmer trat in seine Augen. Dachte er an die liebevolle Hand der Mutter, die ihn gepflegt, wenn er als Kind sich krank fühlte, oder schwebte ihm das Allheilmittel der Seekrankheit, das Tauende vor, das rohe Schiffer nach Erzählungen älterer Freunde oft anwandten?

"Jung', du büst seedull", entgegnete der Alte, "noch een paar Stürm' mußt utholl'n, denn sünd wi in d' Nörderneer Hab'n. Dies' dar man tägen an, büst doch 'n Ostfrees!"

Nach kurzer Zeit, in der der Käpp'n frühstückte, Dirk aber nur einige Schluck Tee zu sich nahm, ertönte wieder das "Hiev up!" Von den mit ihnen in der Slapers-Bucht ankernden Tjalken drang der monotone Klang des Ankerspills zu ihnen herüber; sie machten sich ebenfalls auf die Reise, und mit ihnen zog die "Antje" dem jungen Tag entgegen.

Eine steife, aufkommende Brise brachte die Tjalken schnell vorwärts. Dirk stand wie ein Häufchen Elend vorn an die Ladung gelehnt und nur das "R-e-e" des Schiffers raffte ihn auf, wenn es galt, dem Schiff durch Überholen der Segel eine andere Fahrtrichtung zu geben. Er hatte keine Augen für die Küste, über deren grünem Deich hin und wieder die roten Ziegeldächer der Marschhöfe lugten, noch für die in der Ferne auftauchende Insel, deren Hafen ihr Ziel war. Nur ein Gedanke beseelte ihn: hätte doch diese Fahrt erst ein Ende; wollte denn das Schlingern gar nicht aufhören? War denn die Nordsee mit jedem so verfahren, hatte sie ihnen auch die erste Seereise so verleidet? Mutter. -

Doch was war das? War denn die "Antje" ganz toll geworden? Dirk hielt sich krampfhaft an den Wanten und -

Das Busetief, in dem sich mehrere Strömungen treffen, nahm die Tjalk liebevoll in seine Arme und die dort stehende Kabbelsee ließ die "Antje" einen Tanz aufführen, daß Dirk annahm, jetzt sei das Ende nahe. Sein leerer Magen konnte und wollte nichts mehr hergeben, und er verspürte einen bitteren Geschmack im Munde.
"R-e-e!"

Die Donnerstimme seines Schiffers gab ihm keine Zeit, seine Daseinsberechtigung zu sondieren. Er raffte sich auf so gut es ging, aber nach beendetem Manöver hielt er sich wieder krampfhaft an den Wanten; die böse Seekrankheit spielte mit dem Jungen ein herzloses Spiel.

Nach einer Stunde weiterer Fahrt, nachdem die "Antje" sich beim Austritt aus dem Busetief beruhigt hatte, atmete Dirk etwas wieder auf. In Backbord tauchte der Kopf des Norderneyer Hafens auf und nach einer weiteren halben Stunde lag die "Antje" fest vertäut hinten im Hafen, neben anderen Fehntjer Tjalken, die ebenfalls Torf geladen hatten und teils schon zur Abfahrt rüsteten, teils auch noch auf Löschung warteten.

Dirk hörte Heimatlaute aus anderen Kehlen, sah bekannte Gesichter und als er sogar einen Schulkameraden unter ihnen gewahrte, wurde ihm wohler zumute. Nach einigen Stunden war die Seekrankheit vollends verflogen, und als er abends an Deck stand und der Norderneyer Leuchtturm freundlich zu ihm herüberblinkte, da hatte er das Unangenehme seiner ersten Seereise vergessen. Als er gleich darauf seine Koje aufsuchte, hielt ihn bald der tiefe Schlaf der Jugend umfangen. In seinen Träumen aber hörte er immer noch das "R-e-e" des Schiffers, das ihn auf seiner ersten Seereise dazu gezwungen hatte, die Seekrankheit zu überwinden. Dirk, der kleine Fehntjer, lächelte im Traum.

*

Jahre vergingen. - Aus dem kleinen Fehntjer war ein Mann geworden. Die Nordseeküste von der Mündung der Ems bis zur Weser mit den davorliegenden Inseln war das Gebiet, das er auf heimischen Tjalken unter verschiedenen Schiffern besegelt hatte.

Trotz kargen Lohnes hatte er sich bei äußerster Sparsamkeit ein kleines Sümmchen beiseite gelegt, und wenn während der Wintermonate die Tjalken auf den Fehnen Winterquartier bezogen, saß Dirk über die Bücher gebeugt und bereitete sich auf das Examen für Seeschiffer vor, das er an der Seefahrtsschule in Leer glänzend bestand.

Nun hieß es, selbst ein Schiff zu erwerben. Aber wie? Der Zufall wollte es, daß ein alter Fehntjer, mit steifen Gliedern der Seefahrt müde, seine Tjalk veräußern wollte. Unter günstigen Zahlungsbedingungen kam Dirk in den Besitz des Schiffes, und als er zum ersten Male selbst als "Käpp'n" seine "Trina" das Fehntief hinunter steuerte, da hob sich stolz seine Brust. Am Bug stand sein "Steuermann", ein Junge von 14 Jahren, der heute seine erste Seereise antrat. Dirk sah den kleinen Jungen und in ihm wurde die Erinnerung wach an damals, wo ihn zum ersten Male auf schwankem Kiel die Nordsee küßte, wie er "seedull" und sterbenskrank wurde und nur das "R-e-e" des Schiffers ihn jedesmal aufgerafft hatte, wenn er an der Seefahrt verzweifeln wollte.

Lange Jahre steuerte Dirk die "Trina" von Hafen zu Hafen; auf ihren Planken verbrachte er sowohl bei frischer Brise sonnige Tage, wo die Seefahrt eine reine Lust war, als auch dunkle, schwere Sturmesnächte auf dem Wattenmeer, wo es in den Wanten brüllte und pfiff und das Schiff an den Ankerketten zerrte und sich wie wild gebärdete.

In solchen Sturmnächten waren die Gedanken mehr als sonst auf dem Fehn, wo in dem kleinen schmucken Häuschen am Kanal Frau und Kinder um das Leben ihres Ernährers bangten. Heiko, der älteste der drei Jungens, konnte die Zeit kaum abwarten, wo der Vater ihn an Bord nahm, und auch die beiden andern sprachen von nichts anderem als von ihrem Schiff, das sie, wenn sie erst "groß" wären, auf die wilde See hinaussteuern wollten. Das war Tradition, davon wurde nicht gelassen.

Dirk hatte entschieden Glück in der Schiffahrt und ihm war das größte Unglück, ein Schiffbruch, erspart geblieben. So reifte in ihm der Entschluß, ein größeres Schiff durch die blau-grünen Meeresfluten zu steuern. Eines Tages wurde dann auch auf der heimischen Schiffswerft in Westrhauderfehn der Kiel zu einem Kuffschiff gelegt, das Dirk in Auftrag gegeben hatte. Nach einigen Monaten lief das zweimastige Schiff unter Anteilnahme der gesamten Bevölkerung von Westrhauderfehn vom Stapel.

"Dina von Westrhauderfehn" prangte in goldenen Lettern am Bug des Schiffes. Fragte man den Schiffer nach der Herkunft des Namens, so umspielte seine Lippen ein glückliches Lächeln. Man brauchte nicht mehr zu fragen, sondern man wußte, daß Dina die Auserwählte seines Herzens war, die Freud und Leid mit ihm geteilt und um ihn gebangt hatte, wenn er draußen auf See war und der Sturmwind heulend an den Fenstern ihres Häuschens vorbeisprang, daß sich die Kinder ängstlich anschauten.

"Dina von Westrhauderfehn" - wieviel Liebe und Verehrung lag in diesem Namen!

Wie stolz war er, als er eines Morgens die "Dina" in flotter Fahrt das Fehntief hinuntersteuerte, begleitet von den herzlichsten Glückwünschen seiner Lieben. Vier Mann zählte die Besatzung, und darunter war sein Sohn, der einstmals das Erbe des Vaters antreten sollte, wenn er nach glücklichem Abschluß seiner Seefahrtszeit die Füße unter den Tisch stecken würde, und im gemütlichen Heim die Fahrten der "Dina" unter den Schiffsnachrichten in der Zeitung verfolgte.

Über dreißig Jahre schon verbrachte er die größte Zeit seines Lebens auf schwankem Kiel. Dreißig Jahre? War das schon so lange her, als er, der Schule entwachsen, auch an einem solchen Tage zum ersten Male als Junge das Fehntief hinunterfuhr und, als er noch eben einen Blick von seinem geliebten Fehn erhaschen wollte, der Käpp'n ihn in das Roof dirigierte? Hatte er ihm das Heimweh ersparen wollen für den Augenblick, wo das Scheiden am schwersten war?

Dreißig Jahre! Dirk hatte die rechte Hand am Ruder und beschattete mit der Linken die Augen, als wollte er einen Blick in die Zukunft tun, da gewahrte er am Großmast seinen Jungen und - "R-e-e!" Beinahe hätte er die Biegung des Kanals übersehen. Die Zeit zum Nachdenken war dahin, und die "Diva" zog einer neuen Zukunft entgegen.

*

Für Dirk begann nun ein neuer Abschnitt seiner wechselvollen, glücklichen Seefahrtszeit, die aber trotzdem reich an Sturmtagen, reich an Entbehrungen und Enttäuschungen gewesen war.

Sein Sinn stand nach Englands Küste, Dänemarks und Schwedens Häfen; auch Rußlands Ostseehäfen hatte er in seine Fahrtroute einbegriffen. Wenn er nur Fracht hätte, er wollte seine "Diva" schon führen, noch stand er im besten Mannesalter, noch konnte er Jan Rasmus trutzen, denn vom Topp bis zum Kiel war an seiner "Diva" alles neu. Friesenhände hatten das Schiff gebaut, Friesenhände führten es. - Komm her, blanker Hans und messe dich mit mir, ich fürchte dich nicht! - Sollte dieses eine Kampfansage sein?

Jahrelang bezwang die "Diva" die Nord- und Ostsee, fegte bei frischer Brise über die blanke Wasserfläche dahin, oder kämpfte heldenhaft gegen schweren Nordwest, wenn der Zufall sie nicht im sicheren Hafen wußte. In ihrem gewölbten Rumpf verfrachtete sie Deutschlands Stückgüter und Englands Kohle, und kam sie von Rußland oder Schweden, so türmte sich an Deck, fest verlascht, die Holzladung. Nur eine kurze Ruhepause gab es für Schiff und Mannschaft im Jahr, denn wollte man weiterkommen, dann mußte man sich regen.

Dann kam eine Zeit, wo die Ladung spärlicher und der Verdienst daher knapper wurde: der Siegeszug des Motors hatte eingesetzt.

Aber Dirk hing am Althergebrachten und hielt mit der Zeit nicht Schritt. Wollte er auch nicht. Sollte er in seinen alten Tagen noch umsatteln und segellos die Nordsee durchfurchen, woran er sonst seine helle Freude gehabt hatte, wenn die Segel drall im Winde standen? Nein und abermals nein! Wenn sie ihm ohne Motor keine Ladung geben wollten oder konnten, da es die Versicherung verlangte, dann sollte ein anderer fahren.

Jetzt war er bereit, das Erbe abzutreten, aber nun erlebte er eine Enttäuschung, wie sie für ihn zuerst nicht größer sein konnte. Sein Sohn, sein eigener Sohn, wollte das Erbe nicht antreten, weil - weil die "Diva" motorlos war und der Einbau eines Motors für diesen Kufftyp, von dem die "Diva" das letzte Schiff dieser Bauart der Werft in Westrhauderfehn war, nicht in Frage kam.

Ohne Fracht keinen Verdienst. Wochenlang hatte Dirk sich in Bremen um Ladung beworben, immer vergebens. "Ja, wenn Sie ein Motorschiff hätten", so hieß es immer. Aber nun hatte er doch keins.

Zwanzig Jahre hatte er die "Diva" glücklich geführt; in Sturm und Not, in guten und bösen Tagen hatten sie zusammengestanden. Nun mußte er, Dirk, der alte Käpp'n, als 70jähriger die Segel streichen.

So suchte denn Dirk einen Käufer für sein Kuffschiff und nach geraumer Zeit war ein solcher gefunden. Man einigte sich dahin, die "Diva" in dem kleinen Oldersum an der Ems abzuliefern, dort sollte der Kauf getätigt werden.

In den ersten Novembertagen des Jahres 1928 trat Dirk mit der "Diva" seine letzte Reise von der Weser zur Ems an. Ohne Ladung, mit drei Mann Besatzung: Dirk, dessen Sohn und ein Junge, kreuzte die "Diva" Mitte November gegen einen harten Südwest auf dem friesischen Wattenmeer, und am Nachmittag des 17. November vor der Einfahrt des Norderneyer Hafens. Dieser Hafen war vor mehr als 50 Jahren das Ziel seiner ersten Seereise gewesen, als er auf der "Antje" seine seemännische Laufbahn begann. Hier wollte er vor dem zum Sturm ausartenden Südwest Zuflucht suchen, aber ein großer Schaufelbagger versperrte der "Diva" die Hafeneinfahrt. Wollte man nicht gegen die Ankerketten des Baggers laufen oder an dem Hafensteindamm zerschellen, so mußte man vor dem Hafen ankern. Da keine andere Wahl blieb, ankerte die "Dina" bald darauf neben einer holländischen Motortjalk in der Höhe des Hafenleitdamms, der im rechten Winkel zum Südstrande der Insel führt, vor doppelten Ankerketten. So kam der Abend und die Nacht.

Der Sturm wurde stärker und stärker und die ohne Ladung hochliegende "Diva" tanzte wie toll und zerrte wie ein wildes Tier an den Ankerketten. Die holländische Tjalk ließ, um den Druck auf die Ankerketten herabzumindern, den Motor laufen, und das Klopfen des Motors drang zu der "Diva", die achter der Tjalk ankerte, herüber.

Dirk beobachtete sorgenvoll das Barometer, das rapid sank. Gegen Mitternacht wuchs der Sturm zum Orkan. Im Roof der "Diva" saßen drei Menschen, Vater und Sohn mit einem Jungen, blickten hin und wieder durch die Rooftür in die rabenschwarze Nacht hinaus und - glaubten, das Ende der Welt sei gekommen.

Regenböen wechselten mit Hagelschauer und über das Deck der Kuff fegten gewaltige Seen. Wenn jetzt die Ankerketten rissen, dann - Da -

Eine gewaltige kurze See hob das gequälte Schiff blitzschnell empor und schleuderte es ebenso schnell wieder hinab.

Ein Ruck, ein gewaltiger Krach. - Die "Diva" hatte die Ankerketten abgestoßen und sich von den Fesseln befreit. Sie war jetzt der Spielball der Elemente und wurde von diesen der Küste zugepeitscht.

Im Roof hielten sich drei Menschen umschlungen: Vater und Sohn mit einem Jungen.
Es war eine Höllenfahrt.

Plötzlich erschütterte ein schwerer Schlag den Schiffskörper und gleich nachher ein zweiter. Mit gewaltigen Sätzen war die "Diva" zweimal über den Hafenleitdamm geworfen und hatte sich den Kiel abgestoßen.

Wohin ging die Fahrt? Die Minuten wurden zu qualvollen Stunden und nirgends gab es eine Rettungsmöglichkeit.

Am Südstrande von Norderney stand eine haushohe Brandung, da hinein wurde die "Diva" gejagt, um wie ein zu Tode gehetztes Wild am Fuße der Dünen an den Strand geworfen zu werden. -

Stundenlang fegte die Brandung noch über die gestrandete Kuff hinweg, ehe die Schiffbrüchigen es wagen durften, die Rooftür zu öffnen. Erst gegen Morgen, als der Sturmwind noch in den Gestängen heulte und die Brandung durch Eintritt der Ebbe abnahm, sah Dirk, daß die Insel, deren Hafen vor mehr als 50 Jahren das Ziel seiner ersten Seereise war, nun auch sein Schicksal besiegelt hatte. — Das war die letzte Reise des alten Kapitäns. -

*

Am Südstrande von Norderney wartet das abgetakelte Wrack der Kuff auf den Tag, wo die blaugrünen Fluten der Nordsee es wieder tragen. Vielleicht aber kommen eines Tages starke Männer mit Pferd und Wagen, mit Sägen und Äxten. Und dann? -
Am Strande von Norderney liegt ein Wrack, und wenn die Sonnenstrahlen darüber huschen, liest man in goldenen Lettern: "Diva von Westrhauderfehn".

Jan Janssen von Norderney

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