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Norderney erzählt

Fürst Bülow

Im Juli 1904 unterschrieben Fürst Bülow und Graf Witte auf Norderney den deutsch-russischen Handelsvertrag, der den Strich unter die Caprivicsche Zollpolitik zog. Eine Gedenktafel in dem betreffenden Zimmer des Großen Logierhauses erinnert noch heute daran. Interessante Einblicke in das Leben im Bülow'schen Hause gewähren die Schilderungen von Sigmund Münz (Von Bismarck bis Bülow. Verlag Georg Stilke):

In Norderney verbringt der Kanzler bereits den fünften Sommer. Er ist fast ebenso tätig wie in Berlin, aber weniger als in der Hauptstadt von Repräsentation in Anspruch genommen. Diese Inselstadt hat er zum Aufenthalt gewählt, weil er von hier aus leicht Berlin erreicht.

Hier fängt er um die Mittagszeit an, dem Publikum sichtbar zu werden. Es ist, wenn er sich in Gesellschaft seiner Gemahlin und seines Adlatus, des außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers v. Below, in das Restaurant Richter zum Mittagessen begibt. Die meisten in Norderney kennen diese kleine Gruppe. Der Kanzler, stämmig, wohlgeröteten Antlitzes, sichtlich gutgelaunt, - seine Gemahlin, durch ihr dunkles Haar, ihre feingeschnittenen südlichen Gesichtszüge und ihre zartere Erscheinung reizvoll abstechend von dem blonden, kraftvollen Germanentypus ihres Gatten.

Gegen 5 Uhr macht er mit der Gräfin gewohnheitsmäßig eine lange Promenade am Strand.

Hinter dem Grafenpaare läuft der bereits allbekannte Reichshund, ein schwarzer Pudel. Ein Faktotum folgt, ein dunkelbärtiger, stattlicher Mann, der aber, wie es scheint, mehr für die Sicherheit des Reichshundes als des Reichskanzlers zu sorgen hat.

Gegen 7 Uhr kehrt der Kanzler von der Promenade zurück und vor 8 Uhr geht er zum Abendessen - abermals ins Restaurant Richter. Herr Richter ist ein mit einer Berlinerin verheirateter Wiener - "ein Symbol unserer Allianz", bemerkt der Kanzler lächelnd.

Des Abends findet sich gewöhnlich der eine oder andere Gast ein, in letzter Zeit insbesondere Dr. v. Rottenburg, der einstige Chef der Reichskanzlei in Bismarckscher Zeit. In einem kleinen Gemache im Erdgeschosse, das zur ausschließlichen Verfügung des Kanzlers steht, wird gespeist. Das Abendessen dauert nicht lange, und durch das vielbelebte Inselstädtchen wird durch die Menge hindurch und an den Kaufläden vorbei der Weg nach der Villa Fresena genommen. An regnerischen Abenden sitzt man im Salon, an halbwegs schönen auf der offenen Terrasse. Um das Haus herum stürmt die See, pfeift der Wind, zischen die Wogen, und bei solcher Musik der Elemente wird die Konversation geführt. Die Politik ist ziemlich ausgeschlossen. Der Kanzler stellt eine Menge feinster Betrachtungen an und verblüfft durch sein Gedächtnis. Er deklamiert angesichts der wogenden See eine ganze Seite aus Homer vom Seefahrer Odysseus im griechischen Urtext. Einmal gönnte er sich eine Exkursion nach Lütetsburg bei Norden, wo er in Gesellschaft seiner Gemahlin und des Gesandten von Below beim Fürsten Knyphausen, Präsidenten des Preußischen Herrenhauses und Mitglied des Reichstages, auf dessen Schloß zu Mittag aß. Die Fahrt ward bei Ebbe zu Wagen durchs Watt zurückgelegt, und entzückt von dem schönen grünen Park und befriedigt von dem Zusammensein mit dem greisen Fürsten, über den sich der Kanzler in den liebenswürdigsten Ausdrücken äußerte, kehrte das Grafenpaar gegen Abend zurück.

Was immer er auch im intimen Kreise spricht, hat Fasson, Stil, Rundung. Er ist ein interessanter Plauderer, und oft sprudelt und sprüht der feinste Witz aus seinen Bemerkungen. Sein ganzes Wesen ist von einer großen Dosis attischen Salzes durchzogen.


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