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Norderney Kurier (Serie erschien vom 27.10.2017 - 23.11.2018)

Familie als Nest der Geborgenheit

Die meisten früheren Inselbewohner hatten eine kleine, aber gemütlich eingerichtete Wohnung. Der Kindersegen war reichlich und die Mutter hatte das Sagen. Die Küche war als Wohnküche eingerichtet, und hier spielte sich den ganzen Tag das Leben ab. Nur eine Feuerstelle (Küchenherd) wurde in der Woche genutzt, und das elektrische Licht kam nur aus sparsamen Glühlampen, die eine niedrige Wattzahl hatten. Damals wurde auf der Insel keine Außentür abgeschlossen und die Wäsche konnte ruhig über Nacht auf der Leine hängen bleiben. Nur in der Neujahrsnacht durfte kein Wäschestück draußen bleiben, da dies für die Familie Unglück bedeutete.

Sonntags wurde die Stube beheizt und abends kam die Verwandtschaft zu Besuch. Die großen Kinder spielten dann in der Küche und brieten rohe Kartoffeln und große Bohnen auf der heißen Küchenherdplatte. Somit waren sie aufgeräumt, also beschäftigt. Wenn es im Winter früh dunkel wurde und dann noch der Regen an den Fenstern prasselte, kam eine behagliche Stimmung auf. Die Männer steckten sich eine Zigarre an und die Hausfrau machte für allen frischen Tee, dazu gab es einen kleinen Keks, aber nur einen.

Die Männer, von denen ich erzähle, waren alle Mitglieder der Feuerwehr und sie sprachen zuerst von ihrem Verein - die Politik blieb außen vor. Die Frauen setzten sich dazu und holten ihr Handarbeitszeug hervor und strickten für ihre Kinder etwas zum Anziehen, und die Jüngeren häkelten für ihre Aussteuer. Nachdem der Tee getrunken war, kamen für die Männer eine Flasche Rum und für die Frauen ein Likör auf den Tisch. Der Alkohol löste die Zungen und beim Blick auf das Bild der Großmutter an der Wand begannen in der Stube die Erzählungen über die Vergangenheit.

Bei den Gesprächen in der warmen Stube wurde vieles durchgekaut und schnell war man in der Zeit, die 50 Jahre zurücklag. Viele Überlieferungen von den Eltern wurden wieder aufgefrischt und das Lachen nahm kein Ende. Es war eine schöne Zeit, alle waren sich einig, ob arm oder reich. Keiner vergriff sich an anderer Leute Sachen. Alle achteten sie Mein und Dein. Beim zweiten Glas des köstlichen Getränks fingen die "Prootere" (Redner) erst richtig an. Alle die Originale, die hier in der Serie beschrieben werden, sind in den Gesprächen wieder auferstanden.

Leider waren früher die meisten Norderneyer schreibfaul, und so sind viele Erzählungen in Vergessenheit geraten. Trotzdem sind heute doch noch einige Schriftstücke vorhanden, die von Insulanern in Reimform und in der plattdeutschen Schreibweise niedergeschrieben wurden und diese erfreuen heute die Generation, die noch von Haus aus die alte Heimatsprache gelernt hat.

Jede Epoche hat seine guten und schlechten Tage. Bei den alten Norderneyern war von Vorteil, dass sie immer mit einfachen Mitteln ihr Leben meistern konnten, denn ihre Nachkommen wurden von klein auf angehalten, den häuslichen Pflichten nachzukommen. Damals wurde im Beruf noch zehn Stunden am Tag gearbeitet und erst am Sonnabendmittag begann das Wochenende. Während der Arbeitszeit entwickelte sich unter Kollegen eine besondere Form von nachdenklichem Humor. Später wich das Obrigkeitsdenken der Kaiserzeit einer anderen Denkweise. Nach und nach trat das kapitalistische Denken in den Vordergrund, und viele Familienbande wurden bei einer Erbschaft zerrissen. Bis etwa 1960 galt noch: "Wer die Eltern im Alter pflegt, bekommt das Haus." Es war ein ungeschriebenes Gesetz für alle Erbberechtigten, und man hielt sich daran.

Mit Gesprächen über solche Themen vergingen die Abendstunden und der eine wusste dies, der andere das, und ich habe es aufgeschrieben. Jetzt haben wir genug gesessen und die schöne Zeit sollen wir nie vergessen.

Kreuzung Nordhelmstraße / Birkenweg
Auf dem Bild baut der Maurer Walter Uden an der Kreuzung Nordhelmstraße / Birkenweg sein "Nest", wie es in der Anekdote beschrieben ist. Uden bekam durch die Landesregierung Niedersachsen einen Zuschuss. In den 60er Jahren hat die Landesregierung eine neue Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingeleitet, mit der private Bauherren zu Eigentum kommen konnten. Die ersten von privat gebauten Einfamilienhäuser nach dem Zweiten Weltkrieg in der Siedlung kosteten damals 15.000 bis 18.000 DM. Luxusbauten wie heute gab es damals nicht und Kohleofen und Holzbalkendecken waren normal. Die Stadt war hilfreich: Der damalige Stadtbaumeister Gustav Casten hat für die jungen Familien die Bauzeichnungen erstellt und auch die Behördenformulare ausgefüllt. Die Bauherren waren durchweg Handwerker, die sich durch einen großen Teil Eigenleistung so ein "Nest" leisten konnten.

Hermann de Vries
Hermann de Vries (183) hatte seine Schneiderei in der Heinrichstraße 1. Zu der Zeit der Aufnahme von 1938 gab es auf Norderney sieben Herrenschneider und zwei Frauenschneiderinnen.

Hermann Heykamp
Hermann Heykamp (182) war Geschäftsführer der Badezeitung. Als Journalist hatte er einen großen Einblick in die Lebensform der Insulaner. Durch seine Tätigkeit als Zeitungsmann war er sehr geachtet.

Tonnenhof
Heinrich Onkes (185) und Wilhelm Feig (186) waren beide beim Tonnenhof beschäftigt. Feig hatte eine Angewohnheit: Er lief sehr langsam, und weil eine Heultonne einen lang anhaltenden Ton von sich gab, bekam sein Ökelnamen eine noch größere Bedeutung. Das Foto zeigt den Tonnenhof (rechts) in den 1930er-Jahren.

Friseurinnung 1933
Dirk Deneke (187, Vierter von links) sieht man die Ähnlichkeit mit Wilhelm II. an. Das Bild zeigt die Friseurinnung 1933 bei ihrer Aufstellung an der Kaiserstraße zum großen Maiumzug. Denekes Laden befand sich in der Poststraße/Ecke Bäckerstraße neben der alten Bäckerei von L. C. Meinders. Heute hat dort die Inselbäckerei Bethke in der Bäckerstraße 1 eine Filiale mit Café und Frühstücksangebot.

Gartenstraße bis zur Bülowallee
Bau Ing. Etzard Pleines hat um 1960 die ganze Gegend von der Gartenstraße bis zur Bülowallee, wie sie 1928 bis 1939 aussah, in einer Zeichnung festgehalten. Gerhard Eberhardt hat die Häuser und die Flächen bunt ausgemalt. Hier ein Teilabschnitt der Bäcker-/ Wedelstraße. Die Uphoffs hatten einen großen Lagerplatz mit Wohnhaus (vorn im Bild), welcher sich bis zur Kirchstraße ausdehnte. Johann Uphoff, der Sohn von Jan Uphoff (188), betrieb sein Milchgeschäft im Vorderhaus mit Eingang von der Kirchstraße aus. Zu beachten ist noch ganz rechts unten das Gebäude, welches "Die schwarze Scheune" von Bäcker Meinders war. Hier wurde um 1900 das erste Feuerwehrgerätehaus eingerichtet.

Hermann Nack (182)
Hermann Heykamp, Langestraße 6, war Schriftleiter bei der Soltauschen Buchdruckerei. Heykamp war von kleiner Statur. Seine Figur war kräftig, aber sein Hals (Nacken) war auffallend kurz. Er gehörte mit zu den Norderneyer Honoratioren und die Mitbürger gaben ihm den Beinamen "Hermann Nack".

HDS (183)
Hermann de Vries, Heinrichstraße 1, war Schneidermeister. De Vries hatte einen Bruder, der Heinrich hieß und Bauunternehmer war. Um diese beiden auseinanderzuhalten, gab man Hermann de Vries den Beinamen "HDS" (H für Hermann, D für de Vries und S für Schneidermeister).

Hein Geetkann (184)
Heinrich Kanngießer, Osterstraße 6, war Wirt der Gastwirtschaft Ostende. Damals gingen viele Handwerksmeister und Hoteliers um 11 Uhr in eine der vielen Gaststätten (Kneipen) auf Norderney, um ein Bier und einen Korn zu trinken. Man nannte daher die Zeit um 11 Uhr auch "Up een Elfürtji". Kanngießer bekam von seinen Wirtsgästen den plattdeutschen Beinamen "Hein Geetkann" (Gießkanne).

Hein Tonn (185)
Heinrich Onkes, Ellernstraße 17, war Seemann und auf dem Tonnenhof am Hafen beschäftigt. Um die vielen Onkes auseinanderzuhalten, gaben ihm seine Kollegen den Beinamen "Hein Tonn".

Hultürn (186)
Wilhelm Feig, Maibachstraße 14, war gelernter Maler und wie Heinrich Onkes (185) auf dem Tonnenhof beschäftigt. Feig hatte die Verantwortung für die Instandsetzungsarbeiten aller Seetonnen, die auf dem Bauhof des Wasserbauamtes lagerten. Seine Mitarbeiter gaben ihrem Vorarbeiter den Beinamen "Hultürn", (Heultonne,auch Heulboje).

Kaiser Wilhelm (187)
Dirk Deneke,Wedelstraße 3, war Friseur. Deneke hatte große Ähnlichkeit mit Kaiser Wilhelm II., darum bekam er diesen Beinamen.

Jan Hanschke (188)
Jan Uphoff, Bäckerstraße 8, war Fuhrunternehmer. Neben seinem Unternehmen hatte er noch einen Schrott- und Kohlenhandel. Bei der Arbeit trug er immer Handschuhe, was bei den Norderneyern ungewöhnlich war. So bekam er seinen Beinamen "Hanschke oder Handske" (Handschuh). Später übernahm sein Sohn Johann, der Milchhändler war, den Betrieb des Vaters.


Ökelnaam

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Teil 3 - 10.11.2017
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Teil 5 - 24.11.2017
Teil 6 - 01.12.2017
Teil 7 - 08.12.2017
Teil 8 - 15.12.2017
Teil 9 - 29.12.2017
Teil 10 - 05.01.2018
Teil 11 - 12.01.2018
Teil 12 - 19.01.2018
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