Das Jahr 1962 (Sturmflut) - Norderney - Chronik einer Insel

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Insel/Stadt | Chronik | 1962 | Sturmflut 17.02.1962
Norderneyer Badezeitung vom Sonnabend, den 17. Februar 1962




Eine Sturmflut, wie sie in diesem Ausmaß seit 100 Jahren an der Küste nicht mehr auftrat, verursachte von Nordfriesland bis nach Holland Schäden von bisher noch nicht zu übersehendem Ausmaß. Besonders beeinträchtigt ist das Gebiet um Hamburg. Hier erreichte die Flutwelle heute nacht sogar den Rathausplatz. Wohnblocks um Harburg, Wilhelmsburg und Bergedorf mußten geräumt werden. Die Polizei hat Teile der Innenstadt von Hamburg gesperrt. Im Rundfunk wurde davor gewarnt, Reisen nach Hamburg, sofern für sie keine besondere Notwendigkeit vorliegt, anzutreten. Es traten auch Beeinträchtigungen an der Hamburger Wasserversorgung auf. Der Elbtunnel lief voll Wasser und wurde für unbestimmte Zeit gesperrt.

Besondere Auswirkungen hatte die Flutwelle an der Schleswig-Holsteinischen Westküste. Von der Halbinsel Eiderstedt und dem dahinterliegenden Land wurden rund 6000 Menschen vor den Fluten evakuiert. Ministerpräsident von Hassel leitet die Rettungsaktionen persönlich von Melldorf aus. Teile des. Schleswig-Holsteinischen Küstenlandes sollen zum Notstandsgebiet erklärt werden.

Durch Einsatz der Bundeswehr war es möglich, einen gefährlichen Deichbruch bei Cuxhaven einzudämmen. Erhebliche Überschwemmungen werden auch von Bremerhaven gemeldet. Bei Papenburg brach ein Emsdeich auf 800 Meter Länge. Alle gefährdeten Menschen konnten in Sicherheit gebracht werden.

Norderney erlebte gestern zum ersten Male in seiner Geschichte einen Katastrophenalarm mit Sirenensignal. Das war um 20.50 Uhr. Die Stromversorgung war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgefallen, da das Transformatorenhaus beim Luftbahnhof unter Wasser stand. Das Wasser stand zu dieser Zeit bis fast zur Rathaus-Apotheke im Norden und bis zum Insel-Kino im Westen. Auch den Kurplatz konnte man trockenen Fußes nicht mehr überqueren. Ungeachtet des Orkans gingen viele Helfer dazu über, die Menschen aus den besonders gefährdeten Wohnungen zu bergen und, wenn es sich nur irgendwie ermöglichen ließ, auch Mobiliar zu bergen. Nahezu alle auf Norderney stationierten Lastkraftwagen, die Taxen, Busse aber auch viele Privatwagen waren unaufhörlich dabei, Personen- und Materialtransporte auszuführen.

Als es heller wurde, ließ sich das ganze Ausmaß der Schäden übersehen. Besonders an der Kaiserstraße traten Zerstörungen sehr erheblicher Art auf, und zwar sowohl an Gebäuden wie auch an der Strandmauer. Weitere Schadensstellen sind am Weststrand vorhanden und am Nordstrand beim Café Cornelius. Die Schutzhallen wurden ebenso schwer in Mitleidenschaft gezogen wie die Anlagen am LVA- Sanatorium und dem Haus Daheim.

Die Reederei sah sich angesichts des heute früh schon wieder sehr zeitig einsetzenden Hochwassers gezwungen, den Schiffsverkehr einzustellen. In der letzten Nacht riß sich die Frisia IV von ihrem Norddeicher Liegeplatz los und trieb gegen den Steindamm. Durch Schleppereinsatz will man das Schiff wieder verholen. Wesentliche Beschädigungen traten an der "Frisia IV" nicht auf.

Wie wir aus Hannover erfuhren, will man noch heute versuchen, zusätzliches Sandsack-Material nach Norderney zu transportieren, um die Schäden, besonders wahrscheinlich vor der Kaiserstraße, beheben zu können. Die Bevölkerung Ostfrieslands wurde durch den Rundfunk darauf aufmerksam gemacht, daß möglicherweise die Küstendeiche einer erneuten Sturmflut nicht mehr standhalten könnten und man sich auf Überschwemmungen gefaßt machen müsse.

Durch völlige Lahmlegung ihres Betriebs als Folge des anhaltenden Stromausfalls sieht sich die "Norderneyer Badezeitung" heute nur auf diesem Wege imstande, zum mindesten einen Teil ihrer Leser von den tragischen Ereignissen des 16. und 17. Februars 1962 zu unterrichten. Wir hoffen, am Montag wieder in üblicher Form erscheinen zu können.

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(Ärzte, Polizei, Feuerwehr)
Weitere Berichte zur Sturmflut als PDF Download: nbz_1962-02.pdf / nbz_1987-02-14_stfl62.pdf
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