Das Jahr 1759/1760 (Rote Ruhr) - Norderney - Chronik einer Insel

Insel Norderney
53° 42' 26" N 7° 9' 22" E
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Insel/Stadt | Chronik | 1759/1760 | Ausbruch der Roten Ruhr
Die Seuche sprang vom einen zum anderen.
Ostfriesischer Kurier 06.02.2012
Auf Norderney herrschte 1759 die Rote Ruhr - Jeder zweite Erkrankte fand den Tod
Die hygienischen Zustände ließen zu wünschen übrig.
von Georg W. Kampfer

Immer wieder wird der 29. März 1836 als der schwärzeste Tag in der Geschichte Norderneys dargestellt. An jenem Tag waren die Norderneyer Fischer bei ihrer Arbeit von einem plötzlich aufkommenden, schweren Sturm überrascht worden, der fünf der ausgelaufenen Schaluppen in die Tiefe riss. 16 Fischer ertranken. An einem einzigen Tag hatten neun Norderneyerinnen ihren Mann verloren und 29 Norderneyer Kinder ihren Vater.

Der Schrecken dieses Unglückstages verblasst jedoch vor der Katastrophe, die im Winter 1759 über die Insel hereinbrach. Auch in diesem Fall kam das Unheil von See. An Bord eines Norderneyer Schiffes, das Ende Oktober an der Küste Dithmarschens lag, erkrankte plötzlich der 22-jährige Jacob Claashen an einer schweren Darminfektion mit heftigen Leibschmerzen und anhaltenden blutigen Durchfällen, die schon nach kurzer Zeit zu seinem Tode führten. Das Norderneyer Kirchenbuch vermeldet dazu am 27. Oktober 1759:
"Jacob Claashen, des Claas Gerdes Sohn, auf des Jann und Menshe Hinrichs Schiff, so damals auf der Eider gelegen, an einer heftigen Krankheit, der rothen Ruhr, gestorben."

Jacob Claashen wurde zwei Tage nach seinem Tode in Tönning in Dithmarschen begraben. Der Schiffseigener Menshe Hinrichs jedoch kehrte mit seinem Schiff zurück nach Norderney. Schon auf der Rückfahrt stellten sich bei ihm dieselben Symptome ein. Er kam krank an und starb am 8. November, nicht jedoch ohne vorher seine Frau angesteckt zu haben, die ihm nur eine Woche später ins Grab folgte. Damit hatte die "Rote Ruhr" Norderney erreicht und breitete sich nun in Windeseile über die ganze Insel aus.

Der Norderneyer Pastor Johann Helmts sollte später in seinem Kirchenbuch notieren: "An. 1759 im Herbst ist diese Insul von der rothen Ruhr heimgesucht worden. Durchs Anstecken kam die Krankheit, und zwar durch einen von unseren Schiffern, so auf seinem Schiff auf der Eider, damit befallen und krank alhier an Land gefahren wurde, nachdem ihm vorher sein Knecht auf dem Schiff an der roth. R. gestorben. Sie hat ein ganzes Jahr hier grassiert, und zwar im ganzen Dorf, und sind über 100 Personen an alten und jungen beiderley Geschlechts davon gestorben. Gott bewahre diese Insul hierführ vor solchen bösen Plagen!"

Die Rote Ruhr, die nun so furchtbar auf der Insel wütete, wird von der modernen Medizin als "Dysenterie" bezeichnet. Sie wird durch Bakterien verursacht, die die Darmschleimhäute befallen, so dass es schnell zu anhaltenden Durchfällen und damit einhergehenden gefährlichen Flüssigkeitsverlusten kommt sowie zu schweren Schädigungen des Darmgewebes und daraus resultierenden Blutungen. Die Übertragung der Seuche erfolgt zumeist als Schmierinfektion durch Kontakte mit den Ausscheidungen der Kranken und dementsprechend auch durch Fliegen.

Es war auch damals schon bekannt, dass die Rote Ruhr ansteckend war, doch wusste auch auf Norderney niemand so recht, auf welchem Wege die Ansteckung erfolgte. Hygienische Vorkehrungen und Maßnahmen waren noch völlig unbekannt. Es gab weder fließendes Wasser noch Kanalisation. Der Wasserbedarf wurde durch Regenwasser oder aus Brunnen gedeckt, und zum Verrichten der Notdurft hatte man draußen eine Latrine - oder man ging einfach hinters Haus, und häufig dürften Brunnen und Latrinen nicht allzu weit voneinander entfernt gewesen sein.

Auch in den Häusern selbst ging es wenig hygienisch zu. Die kinderreichen Fischerfamilien wohnten auf engstem Raum zusammen. Oft schliefen mehrere Familienmitglieder in einem Bett und hatten so häufig Körperkontakt. Von der Nachbarinsel Juist wird berichtet, dass dort die Eltern das Brot vorkauten, bevor sie damit ihre kleinen Kinder fütterten. Auf Norderney dürfte es kaum anders gewesen sein.

Wenngleich Pastor Helmts in seinem Kirchenbuch auf die Eintragung der Todesursachen zumeist verzichtet hat, lässt sich aus dem Verzeichnis der Namen und Todestage und der Häufung von Todesfällen in einzelnen Familien doch mit einiger Sicherheit ableiten, wie rasch sich die Seuche auf der Insel ausbreitete. Der Schiffer Menshe Hinrichs hatte die Rote Ruhr aus Dithmarschen mitgebracht. Acht Tage nach seinem Tod starb seine Frau und weitere vier Wochen später auch seine 24-jährige Tochter Iddel - wenige Wochen nur nach ihrer Hochzeit im Oktober 1759. Auch in vielen anderen Familien sprang die Seuche von einem Familienmitglied zum anderen. So verlor der Fischer Arend Rass am 13. Dezember 1759 zunächst seine zehnjährige Tochter Sipke, einen Tag vor Heiligabend seine zwölfjährige Tochter Antje und am 13. Februar seine siebenjährige Tochter Aafke. Das letzte von seinen sieben Kindern, die kleine Hiemke, starb später 17-jährig an Masern.

Am schlimmsten traf es jedoch die Familie des Fischers Menshe Sicken. Am 10. Dezember 1759 starb seine Frau Tomme, einen Tag später seine siebenjährige Tochter Etje, am 15. der Familienvater selbst und bereits am 22. Dezember folgten ihm sein vierjähriger Sohn Simon und sein zweijähriges Töchterchen Jantjen in den Tod. Innerhalb von nur zwei Wochen war eine fünfköpfige Familie komplett ausgelöscht worden.

Einen Arzt gab es zu jener Zeit auf der Insel noch nicht, und die damals propagierten Therapieversuche erscheinen aus heutiger Sicht ziemlich abenteuerlich. So heißt es noch 1781 in einem Werk der Fachliteratur:
"In der Anno 1735 in meinem Vaterland so erschrecklich rasenden, und alle Leute ohne Unterschied angreifenden Ruhr habe ich von folgenden Pulver besondere Vortheile verspüret: Nehmet Ipecacuabawurzel, drey Quentchen, Eisenartig Spießglasschweißpulver, Krebsaugen, Vitriolisierten Weinstein, Gereinigten Salpeter, jedes vierzig Gran. Mischet es, und macht ein zartes Pulver daraus".

Wie ihr Name bereits vermuten lässt, handelt es sich bei der Ipecucuaba um eine exotische Pflanze. Sie wächst in Südamerika, ist hochgiftig, führt beim Menschen vor allem zu heftigem Erbrechen und dürfte damals an vielen Orten ebenso schwierig zu beschaffen gewesen sein wie die im Rezept geforderten 40 Gramm Krebsaugen.

Die Tatsache, dass von den 515 Einwohnern, die Anfang 1759 auf Norderney lebten, mehr als 100 an der Roten Ruhr gestorben sind, beweist, wie gefährlich die Seuche damals war. Etwa jeder zweite Erkrankte starb. Die Eintragungen im Kirchenbuch belegen, wie rasant sich die Seuche auf der Insel ausbeitete. Allein im Dezember 1759 starben 26 Menschen, manchmal mehrere an einem Tag. Norderney hat dreißig Jahre gebraucht, um sich von diesem Schlag zu erholen. Erst 1788 wurde die alte Bevölkerungszahl wieder erreicht.

Doch nicht nur Norderney litt unter der Roten Ruhr. Im Herbst 1760 sprang die Seuche über auf die Nachbarinsel Juist. Am 13. Oktober starb dort die 27 Jahre alte Tochter des Vogts Oltmann Dirks und schon eine Woche später folgte ihr die Mutter ins Grab. Aurch auf Juist breitete sich die Seuche rasend schnell aus. Bis Weihnachten des Jahres starben 22 Personen aus den rund 25 Familien, die damals im Westdorf (Loog) wohnten. Am schlimmsten traf es den Bäcker Jan Claassen, der innerhalb von nur 48 Stunden seine Frau und zwei kleine Kinder verlor, sowie den Schiffer Claas Eylts, der im November drei Kinder verlor und am 3. Dezember auch noch seine Frau. Die Tatsache, dass die Seuche nur im Juister Westdorf grassierte, nicht aber im neu gegründeten Ostdorf, lässt vermuten, dass es im Westdorf eine allgemein zugängliche Infektionsquelle gab - vielleicht einen verunreinigten Brunnen.

Die Rote Ruhr, die damals die beiden Inseln so furchtbar heimsuchte, zählte im 18. Jahrhundert in Deutschland zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten und war auch in Ostfriesland bekannt und gefürchtet. Die Regierung in Aurich reagierte unverzüglich auf jede Meldung vom Ausbruch der Seuche und versuchte, die Epidemie möglichst schnell unter Kontrolle zu bekommen.

So hatte im Februar 1703 ein Seemann die Seuche in Westeraccumersiel eingeschleppt. Ein bald darauf von der Regierung entsandter Arzt sollte umgehend über die Zahl der Kranken berichten, fand in dem Ort allerdings keine Kranken mehr vor. Drei Personen nur waren an der Seuche gestorben, vier weitere hatten sie überstanden und waren wieder gesund.

Als im Februar 1739 in Leer verbreitet wurde, in Strackholt sei die Rote Ruhr ausgebrochen, ordnete die Regierung am 1. März um halb elf Uhr vormittags an, dass innerhalb von 24 Stunden ein Untersuchungsbericht vorzulegen sei. Am nächsten Tag war der Bericht da - es hatte sich um ein Gerücht gehandelt.

Als einen Tag vor Heiligabend 1749 in Aurich die Nachricht des Baltrumer Pastors Hayen eintraf, dass im November auf seiner Insel zehn Personen an der Roten Ruhr gestorben seien, wurden drei Auricher Ärzte beauftragt, die Lage sofort zu prüfen. Schon einen Tag nach Weihnachten lag ihre ausführliche Stellungnahme vor. Sie seien sich nicht sicher, ob es sich um die Rote Ruhr handele, verlangten weitere Untersuchungen und empfahlen zur Therapie und Vorbeugung ein Elixier aus Rhabarberwurzeln und Hyazinthen.

Auf Norderney schwächte sich die Seuche im Frühjahr 1760 ab, erreichte im Herbst aber einen weiteren Höhepunkt, um dann Ende des Jahres ganz zu verschwinden. Im Dezember gab es keinen einzigen Todesfall mehr.

Andere inseltypische Todesursachen traten nun wieder in den Vordergrund. So zum Beispiel bei dem Vater des Jacob Claashen, der 1759 in Dithmarschen als erster Norderneyer an der Seuche gestorben war. Über ihn heißt es mit Datum vom 18. Oktober 1759 im Kirchenbuch:
"Bey der Insel Wangerooge verunglückt, indem er, bey dem damaligen ungestümen Wetter von der Gewalt der tobenden Wellen über Bord geworden und ertrunden. Er war seines Alters 62 Jahre und etliche Wochen. So viel man jetzt noch weiß, ist sein todter Leichnam noch nicht wieder gefunden."

Quellen und Literatur
1. Jörg Alfred Aggen:"Die Familien der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Norderney 1688 - 1900, Aurich 2003
2. Archiv der Stadt Norderney
3. D. Gottfried Heinrich Burghart: "Die zum allgemeinen Gebrauch wohleingerichtete Destillirkunst", S. 291, Breslau, 1781
4. Onno Fisser, Juist, schriftl. Mitteilung vom 17.11.2011
5. Kirchenbuch der Evangelisch-lutherischen Gemeinde Norderney, Bd 2, 1752 - 1783
6. Staatsarchiv Aurich Rep. 4 B 4a Nr. 322, Rep. 4 B 4n Nr. 456, Rep. 5 Nr. 1184


Der Norderneyer Kirchhof um 1860.
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