Die Insel Norderney

Norderney Flagge der Insel
53° 42' 26" N 7° 8' 49
Chronik einer Insel

 

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Ostfriesischer Kurier und NBZ (Serie erschien vom 18.11.2017 - 23.12.2017)

Die Folgen der Flutkatastrophe wirken lange nach

Die Auswirkungen der verheerenden Weihnachtsflut, die vom 24. auf den 25. Dezember 1717 über das Küstengebiet zwischen den Niederlanden und Dänemark hereinbrach und in der nach heutigen Schätzungen rund 12.000 Menschen ihr Leben lassen mussten, wirkte auch in Ostfriesland noch lange nach. Auch hier war die Bilanz erschreckend. Die Region kam nicht zur Ruhe.

Auf die Flut folgteeine scharfe Frostperiode, die erst gegen Ende Februar 1718 endete. Bei einsetzendem Tauwetter entdeckte man an vielen Stellen die sterblichen Überreste von ertrunkenen Menschen. Johann Christian Hekelius, Pastor in Resterhafe und Zeitzeuge, schrieb 1719 (übertragen in die heutige Schreibweise):

"Unter solchen waren viele traurige und jämmerliche Anblicke, denn man fand Mütter auf dem Felde liegen, welche ihre Kinder umarmten, und noch andere, die ihre Kinder an sich festgebunden hatten, die einander bei den Händen ergriffen hatten und sich noch fest zusammenhielten. Wie einem bei dem Anblick ums Herz gewesen oder in welcher Angst diese Sterbenden gewesen, ist besser zu gedenken als zu schreiben."

Schon vor der Weihnachtsflut hatte die Natur außergewöhnliche Notlagen verursacht. Anfang 1715 führte eine auch im übrigen Norddeutschland grassierende Rinderpest zu einer dramatischen Reduzierung der Viehbestände und stürzte die Landwirtschaft in eine schwere Krise. Im Sommer 1716 war ein ungewöhnlicher Mäusefraß durch die Getreide- und Gemüsefelder gegangen. Nach der Flutkatastrophe mit zahlreichen folgenschweren Deichbrüchen allein in Ostfriesland waren weite Landstriche dem ein- und auslaufenden Wasser lange Zeit preisgegeben. Das Salzwasser verdarb wertvolle Flächen. Viele Höfe wurden verlassen, anderemussten später versteigert werden, weil sich in Not geratene Bauern hoch verschuldet hatten.

Viele Straftaten

Unzählige Landesbewohner hatten kein Dach mehr über dem Kopf oder konnten ihre schwer beschädigten oder von der Gewalt des Wassers größtenteils weggespülten Häuser nicht mehr bewohnen und mussten lange Zeit in Notunterkünften ihr Dasein fristen, verließen aber ihre Heimat nicht. Andererseits kames auch zu Abwanderungen in andere Länder. Armut, Hunger und Epidemien, Depressionen und Lethargie machten sich breit. Immer wieder drangen Plünderer, teils von auswärts, in übrig gebliebene Gebäude ein und holten heraus, was sie brauchenkonnten. Manche Landesbewohner erbeuteten herumtreibende Güter und begingen damit verbotenen Strandraub. Große Probleme bereitete die Beseitigung der schier unzähligen Tierdkadaver. Viele Abdecker zogen nur die Felle ab und ließen die stinkenden Überreste liegen.

Am 5. März 1718, wenige Wochen nach der Flutkatastrophe, schilderte der Norder Amtmann Johann Diedrich Kettler in einem Bericht an die fürstliche Regierung in Aurich die Lage. Inzwischen hatte am 25./26. Februar eine weitere schwere Sturmflut die Deiche erneut beschädigt. Zitat:

"Die Löcher in den Deichen vermehren sich, werden auch dabei größer und die Kolken breiter und breiter. Sie reißen auch bei Itzendorf (Westermarsch) weiter ins Land hinein. Die Wintersaat wird mehr und mehr verdorben, die Hoffnung für eine Sommersaat geringer." Kettler beklagte, dass etliche Kaufleute in Norden den Kornpreis "ungebührlich erhöhen". Teuerung und Preisverfall waren an der Tagesordnung.

Aus Solidarität mit den Küstenländern und ihren Bewohnern fanden in vielen deutschen Regionen sogenannte "Wasserpredigten" statt, nach denen Geld gesammelt wurde. In Ostfriesland sollte auf Anordnung der Auricher Regierung in den Kirchen täglich von 10 bis 11 Uhr gebetet werden. Dagegen protestierten einige Pastoren mit der Begründung, dass dadurch wertvolle Arbeitszeit für die erste provisorische Behebung der Deichschäden und Aufräumaktionen verloren gehe.

In den Augen kirchlicher Würdenträger blieb die Flutkatastrophe ein "Strafgericht Gottes". Noch 1722 gab Johann Friderich Jansen, Pastor in Neuende bei Jever, eine fast 900 Seiten starke Schrift heraus, in der er einerseits in dem Unglück eine Bestrafung des Allmächtigen für das angeblich sündhafte Lebender Küstenbewohner, andererseits aber auch im Nachlassen des Sturms ein Zeichen sah, "dass Gott sein Volk nicht verlässt, wenn es zur Umkehr bereit ist". Zugleich begann im Lande eine Diskussion um die Frage, weshalb Gott es denn zugelassen habe, dass auch unschuldige Kinder und "rechtschaffene Christen" in den Fluten ertrunken seien.

Deiche zu niedrig

Die rasche Wiederherstellung der zerstörten, für eine Katastrophe dieser Art viel zu niedrigen Deiche war eines der vordringlichsten Aufgaben. Weil es dafür jedoch überall an Arbeitskräften mangelte, erließ der ostfriesische Landesherr Georg Albrecht im Februar 1718 ein Ausreiseverbot, das allen ostfriesischen Wanderarbeitern bei Androhung harter Strafen strikt untersagte, das Land zu verlassen. Pastor Hekelius berichtete, dass die Deicharbeit unterschiedlich gehandhabt werde. Während man in der Linteler und Hager Marsch sowie im Dornumer und Wittmunder Bereich "beizeiten einen guten Anfang gemacht und allen möglichen Fleiß angewendet" habe, sei in der Westermarsch im Amt Norden wegen der hier "nicht ungewöhnlichen Uneinigkeit dies sehr nötige Werk" verhindert worden.

Amtmann Kettler räumte im Oktober 1718 in einem Schreiben an Fürst Georg Albrecht ein, dass die Deicharbeiten in der Westermarsch "schläfrig zugehen" und kritisierte zugleich, dass die Deichrichter dem Werk nicht den "gebührenden Ernst" erweisen und die Arbeitskräfte nicht "stark genug angehalten haben". In erster Linie seien aber der Geldmangel und weitere Sturmfluten der Grund für die Verzögerungen.

Während im Mittelalter und auch noch danach der Bau und die Unterhaltung der Deiche eine Sache der Kirchspiele, später der Landesgemeinden und Grundeigentümer auf genossenschaftlicher Basis war, traten im 17. Jahrhundert in Ostfriesland die Deichachten (Deichverbände) auf den Plan. Sie organisierten die Errichtung und die Pflege der Erddämme und zogen dafür Gebühren ein. In der Notsituation nach der Weihnachtsflut von 1717 verschuldeten sie sich in hohem Maße. Die Folgen überforderten ihre Kräfte. Mit der Beseitigung der schweren Schäden und Verwüstungen wurden Unternehmen beauftragt, die Lohnarbeiter einsetzten.

In der Stadt Aurich und einigen küstenfernen Ämtern regte sich 1722 Widerstand gegen Hilfeleistungen beim Wiederaufbau der Deiche. Von einem gesamtostfriesischen Bewusstsein konnte somit keine Rede sein. Aber auch die fürstliche Regierung in Aurich, die alles in allem nicht tatkräftig genug auf das Unglück reagierte, und die Landstände (Ritterschaft, Bauern, Bürger), die als Gegenpol die politische Dominanz, die Finanzhoheit und vor allem das Steuerwesen in der Hand hatten, gerieten in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Die Niederlande mussten bis 1723 mit Krediten bis zu 1,2 Millionen Gulden aushelfen. Weitere Kredite und Geldsammlungen gingen aus anderen Ländern ein.

Unverständlicher Streit

Zu allem Überfluss kam es in der Notsituation zwischen dem Landesherrn Georg Albrecht und den Landständen zu einer kriegerischen Auseinandersetzung um Geld und Kompetenzen; nach dem Familiennamen eines ständischen Wortführers aus Groß Midlum ist sie als Appelle-Krieg in die Geschichte eingegangen. Eine entscheidende Rolle in der aus heutiger Sicht völlig unverständlichen Machtprobe in den ohnehin schweren Jahren nach der Flutkatastrophe spielte auch der Kanzler Enno Rudolf Brenneysen, der die seiner Ansicht nach "von Gott gewollte" Autorität seines Fürsten stärken und die Verwaltung der Landesfinanzen und die Oberhoheit über die Deiche ausschließlich in dessen Hand überführen wollte.

In der Westermarsch trat im August 1718 eine Kolonne von Deicharbeitern in einen Streik (im Volksmund "Laway", englich: "to leave", verlassen). Nach einem Bericht des Vogts Ferdinand Pichler zog die Gruppe nach Norden, "um ihre verdienten Gelder" von den dafür zuständigen Herren einzufordern. Weil das Geld nicht vorhanden war, verbreitete sich das Gerücht, dass die Kolonne die Häuser der zuständigen Herren "ruinieren wolle". Daraufhin wurden Soldaten in die Westermarsch beordert, die den Deich und die Kolonne bewachten.

Die auf freier Lohnbasis tätigen Deicharbeiter, von denen viele aus norddeutschen Städten und von der ostfriesisch-oldenburgischen Geest kamen, fanden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf den Baustellen an der Küste zumeist widrige Lebensbedingungen vor. Sie hausten in primitiven Hütten aus Stroh und Reith, litten unter erheblichen Versorgungsproblemen, klagten oft über ausbleibende Lohnzahlungen - und mussten dennoch harte Knochenarbeit leisten. Im Deichwesen jener Zeit fehlte eine feste Ordnung. Bessere Zeiten lagen noch in weiter Ferne.

Neue Katastrophe

Am 3. und 4. Februar 1825 erreichte eine erneute schwere Flutkatastrophe mit 5,26 Meter über Normalnull den höchsten Wasserstand des 19. Jahrhunderts. Wiederum kam es in Ostfriesland zu verhängnisvollen Deichbrüchen, wiederum wurden weite Gebiete überströmt, wiederum kam es zu wirtschaftlichen Krisen und hohen Verschuldungen.

Bei dem 1717 teilweise ausgedeichten Itzendorf in der Westermarsch erfolgte auch 1825 ein Durchbruch mit einer Deichöffnung von 70 Metern Breite und einem elf Meter tiefen Kolk. Wochenlang verursachte die salzige See auf dem flachen Land Ebbe und Flut. Unter der Zeitzeugen jener Tage war auch der Norder Maler Hinrich Adolph von Lengen, der von einer Warf aus die Szenerie im Bild festhielt. In der Ferne sah er die breit auseinanderklaffenden Bruchstellen im Deich, durch die Segelschiffe fuhren.

Itzendorf in der Westermarsch
Sowohl in der Weihnachtsflut 1717 als auch in der Februarflut 1825 wurde Itzendorf in der Westermarsch schwer heimgesucht. Die 1825 von Hinrich Adolph von Lengen im Bild festgehaltene Szenerie zählt zu den bekanntesten ostfriesischen Darstellungen eines Deichbruchs.

Land unter
Land unter: Ausschnitt aus einer zeitgenössischen Darstellung der Weihnachtsflut 1717.

Mithilfe von Schiebkarren wurde im 18. Jahrhundert auf den Deichbaustellen schwer geschuftet.
Mithilfe von Schiebkarren wurde im 18. Jahrhundert auf den Deichbaustellen schwer geschuftet.





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