Norderney
  53° 42' 26" N 7° 8' 49
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Ordnung im Norderneyer Badeleben
Kurioses und Alltägliches aus der Pionierzeit
von Theo Meyer

Als 1797 das Seebad Norderney eingerichtet wurde, war die Insel bis dahin mehr als 200 Jahre überwiegend von Erbpächtern bewohnt gewesen, die die Inselländereien ihrer ostfriesischen Landesherrschaft mehr schlecht als recht bewirtschaftet hatten. Sie lebten vorwiegend vom Fischfang, weil sich der Sandboden des Eilandes nicht gut für eine Bewirtschaftung als Bauernland eignete. Daneben wurde Muschelzucht betrieben und auch das Bergen von Strandgut brachte etwas Gewinn ein.

Zur Zeit der Eröffnung des Seebades lebten etwa 570 Menschen auf der Insel und es gab mehr als 100 Häuser. Diese Zahlen stiegen schnell nach Einrichtung der Seebadeanstalt; im Jahre 1833 gab es bereits 700 ständige Einwohner, die in 175 Häusern lebten.

Am 1. Mai 1800 wurde das Seebad offiziell eröffnet und es kamen gleich etwa 250 Gäste, die zum großen Teil in mitgebrachten Zelten nächtigen mussten, weil noch keine ausreichenden Gäste unterkünfte zur Verfügung standen. In der napoleonischen Zeit kam es zum Erliegen des Seebadebetriebes, der Kurbetrieb wurde aber nach dem Wiener Kongress 1815 schnell wieder aktiviert. Ostfriesland war jetzt Teil des Königreiches Hannover. Der Badebetrieb wurde ausgeweitet und als lukrative Einnahmequelle erkannt. Es kam zum Bauund zur Errichtung wichtiger Inseleinrichtungen; die Organisation wurde professionell eingerichtet.
Karte von Norderney im Jahr 1805.
Karte von Norderney im Jahr 1805.

Die Aufsicht über die Seebadeanstalt hatte die Königlich-Hannoversche Landdrostei in Aurich. Es wurde eine Instruktion für die herrschaftlichen Beamten der Norderneyer Badeanstalt erlassen. Aus dem Jahr 1830 liegen genaue Hinweise und Bestimmungen dazu vor. Im Dienst des Seebades standen damals als herrschaftliche Beamte der Badekommissar, der Badeinspektor, der Apotheker und der Badearzt sowie als Unterbedienter der Bademeister. Beamte und Unterbediente sollten immer bestrebt sein, den "Flor (Wohlstand/Aufschwung) des Seebades" zu vermehren und "für das Vergnügen und die Bequemlichkeit der Badegäste" zu sorgen. Einmal wöchentlich konnte der Badekommissar den Badeinspektor und den Badearzt zu einem gemeinschaftlichen Beratungsgespräch einladen. Es wurde in den Bestimmungen besonders darauf hingewiesen, dass es selbstverständlich sein müsse, dass die Beamten untereinander und im Verkehr mit den Kurgästen ein gutes Benehmen zu zeigen hatten.

Die Badezeit dauerte vom 1. Juli bis zum 15. September. Spätestens am 1. Juli hatte sich der Badekommissar auf Norderney einzufinden und musste dort mindestens bis zum 15. August seinen Dienst versehen, weil seine Anwesenheit für die Hauptbadezeit unbedingt vonnöten war. Diebei der Seebadeanstalt beschäftigten Unterbedienten hatten den Anweisungen des Badekommissars Folge zu leisten; er war ihr Vorgesetzter. Der Badekommissar selbst wurde angewiesen, mittags an der öffentlichen Tafel zu speisen, um dabei auf eine gute Ordnung der Abläufe achten zu können. Besonders sollte er ein Auge darauf haben, dass die Speisen untadelhaft serviertund gleichmäßig verteilt wurden, sodass jeder Tischgast sich nach dem Mahl gut bedient fühlen konnte.

Darüber hinaus hatte der Badekommissar dafür zu sorgen, dass die Unterhaltung der Gäste an jedem Abend sichergestellt war. Jeder Kurgast war dazu berechtigt, an diesen Aktivitäten teilzunehmen. Wenn es die Verhältnisse des Badekommissars erlaubten, sollte er die gute Unterhaltung der Gäste stets fördern. So hatte er auch zu gewissen Zeiten Tanzbälle zu organisieren und durchzuführen. Ohne sein Wissen durften aber keine Theatervorstellungen, Konzerte oder Vorlesungen veranstaltet werden.

Wenn Badegäste Gelder als "milde Gaben" spendeten, war darüber vom Badekommissar ein Armenbuch zu führen, und er hatte die Verantwortung über die Verwendung der Gelder,die in der Regel als Unterstützung für arme und kranke Badegäste verwendet wurden. Im Rahmen einer Feier zu Ehren des Königs war dem Badekommissar einmal eine Summe von 150 Reichstalern zur Verfügung gestellt worden. Dieses Geld durfte er nach seinem Ermessen zum Vergnügen der Badegäste oder zur Verbesserung der Einrichtungen des Seebades verwenden.
Badekarren und Badediener am Herrenstrand um 1880.
Badekarren und Badediener am Herrenstrand um 1880.

Im Gegensatz zum Badekommissar musste der Badeinspektor bereits vor Ablauf des Monats April auf der Insel anwesend sein. In seiner Verantwortung lag, dass die Vorbereitungen zum Empfang der Inselgäste früh genug durchgeführt und die Fahrzeiten des Fährschiffes rechtzeitig bekannt gemacht wurden. Das Logierhaus, das Konversationshaus, das Badehaus, Scheunen, Ställe, Gärten, Plantagen, die Badekutschen sowie das vollständige Inventarium der Badeanstalt unterstanden seiner Aufsicht und Kontrolle. Des Weiteren musste der Badeinspektor einige Zeitungen und Journale frühzeitig bestellen und diese während der Badezeit in einem öffentlichen Leseraum auslegen.

Im Konversationshaus war während der Badesaison viel Personal nötig, so zum Beispiel Köche, Tafeldecker, Aufwärter, Haus- und Küchenmädchen sowie weitere Diener, die alle vom Badeinspektor einzustellen waren. In dem Zusammenhang gehörte es zu seinen Aufgaben, dass in den Kochräumen Reinlichkeit herrschte und der Abfall nicht lange liegen blieb, sondern umgehend entsorgt wurde. Als Aufseher des Weinkellers musste er über die ihm anvertrauten Weine und Spirituosen Rechnung führen und für die ausgegebenen Mengen die Einnahmen dokumentieren und nachweisen. Zum Mittagsmahl für die Badegäste gehörten gewöhnlich eine kräftige und wohlschmeckende Fleischsuppe, gutes Rindfleisch mit Tunke und Senf, Gemüse, Braten, Salat, Kompott, Käse, Butter, Rosinen und Mandeln. In der Regel wurde Kuchen nicht angeboten, aber immer ein weiteres Gericht aus Seefischen. Wenn diese nicht zu haben waren, gab es Grießpudding und Fleisch, das immer zart sein musste. Es wurde Wert darauf gelegt, dass alle Speisen gut und schmackhaft zubereitet wurden. Für Abwechslung auf der Speisekarte hatte der Badeinspektor zu sorgen, und es sollten fette Hammel und allerlei Federvieh gehalten werden, die bei Bedarf geschlachtet werden konnten.

Im Jahr 1830 bezahlten Badegäste für ein gutes Mittagessen 14 Groschen und für die Musik zwei Groschen. Kinder zahlten die Hälfte für das Mittagessen und abends wurde nach Karte gespeist.

Durch die steigende Zahl der Kurgäste wuchs auch die Zahl der ständigen Einwohner weiter an; im Jahre 1838 zählte man bereits 800 Insulaner.

In den zurückliegenden Jahren hatte sich auf dem Eiland viel getan. Ein Warmbadehaus war errichtet worden und die meisten Gebäude der Insel waren ausgebessert und vergrößert worden. Ein erster Kurpark stand zur Verfügung und die Kurgäste liebten es, in der Einrichtung zu spazieren und Konversation zu betreiben. Viele Insulaner vermieteten Zimmer ihrer Häuser an die Gäste,was eine lohnende Einnahme für die Norderneyer darstellte. Sogar eine Spielbank hatte man 1820 eingerichtet. DerBetrieb wurde allerdings aufgrund von neuen gesetzlichen Bestimmungen im Jahre 1849 zunächst eingestellt.

Männer und Frauen durften nicht zusammen das Bad in der Nordsee genießen, sondern sie wurden nach ihrem Geschlecht getrennt und mit Badekarren zu zwei verschiedenen Abschnitten des Strandes gefahren. Liegend oder kniend nahmen sie ihr Bad im Meer. Ein angemessener Abstand zwischen Damen- und Herrenstrand war vorgesehen und aus diesem Grund waren am Strand in der Badegegend zwei Stangen in gehöriger Entfernung voneinander aufgestellt worden. In dem Zwischenraum dieser deutlich zu sehenden Markierungen durfte niemand baden. Nur die Buden für die Badekarren standen dort. Der Abstand war aufgrund der damaligen sittlichen Vorstellungen zwingend notwendig, und es musste nicht besonders erwähnt werden, dass jeder anständige und ehrenhafte Badegast sich nicht dazu verleiten ließ, Badende des anderen Geschlechts zu beobachten.
König Georg V. von Hannover war regelmäßig auf der Insel.
König Georg V. von Hannover war regelmäßig auf der Insel.

Schon früh nach Übernahme Ostfrieslands durch Hannoverwar die Seebadeanstalt Norderney eines der bekanntesten Bäder Europas. Von 1836 bis 1865 wählte der hannoversche Kronprinz Georg, der ab 1851 König von Hannover war, die Insel als Sommerresidenz. Zur Unterbringung der königlichen Familie wurde 1837 das Große Logierhaus errichtet; das Investitionsvolumen dazu betrug 31.000 Reichstaler. Es diente auch als Kurhotel zur Unterbringung weiterer fürstlicher Personen, die standesgemäß untergebracht werden wollten. Weil dem Königspaar aus Hannoverder Hofstaat folgte, wurden mehrere Gebäude errichtet, die den Stadtkern von Norderney prägten. In den Folgejahren entwickelte sich das Seebad zum exklusiven Treffpunkt des Adels, der Diplomatie,der Kunst- und Geisteswelt.

Im Zentrum der Stadt und unmittelbar am Kurplatz baute man das Konversationshaus, das im klassizistischen Stil errichtet wurde und als einer der bedeutenden Profanbauten in Nordwestdeutschland gilt.

In der hannoverschen Zeit war die Anreise nach Norderney noch recht langwierig. So wurde Kurgästen, die aus dem Rheinland anreisten, im Jahre 1832 vorgeschlagen, am Besten mit dem auf dem Rhein fahrenden Dampfschiff zunächst nach Rotterdam zu reisen und dann über Land bis Amsterdam zu fahren. Von Amsterdam fuhr dreimal wöchentlich ein Dampfer über die Zuidersee nach Harlingen, von wo man dreimal täglich durch Wagen oder Zugschiffe nach Delfzijl gelangen konnte. Von dort fuhren täglich Schiffe nach Emden und man konnte von der ostfriesischen Hafenstadt mit dem Wagen nach Norden und Norddeich gelangen.

Es gab in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine direkte Schiffsverbindung von Bremen nach Norderney. Noch bis in die Mitte der 1850er-Jahre mussten die Schiffe in der Norderneyer Reede (Liegeplatz vor dem Hafen) im Südwesten der Insel festmachen. Im Pferdekarren wurden die Gäste durch das flache Wasser bis auf die Insel gefahren. Die erste tidenunabhängige Verbindung mit einem Dampfer wurde nach 1866 eingerichtet.

Badegäste, die nicht mit Schiffen auf die Insel kamen, hatten auch die Möglichkeit, mit Postkutschen oder anderem Fuhrwerk durch das Wattenmeer zur Insel zu reisen, jedoch war die Unterhaltung eines Wattweges von Hilgenriedersiel zur Insel aufwendig und kostete viel Arbeit. Nur bei niedrigster Ebbe konnte diese Passage benutzt werden und ein kundiger Wattführer war immer bei der Fahrt dabei, damit die Gäste sicher bis zur Insel kamen. Der Wattführer bezog eine Vergütung aus der Kasse der Seebadeanstalt Norderney. Der Wattweg wurde bis zum Ende der hannoverschen Herrschaft über Ostfriesland noch viel benutzt, obwohl ein Fährschiff und andere Dampfschiffe zur Insel fuhren.

Auch die Post wurde über den Wattweg zur Insel befördert. Die Post verkehrte täglich von Norden über Hilgenriedersiel nach Norderney und umgekehrt. Sie benötigte für die gesamte Strecke dreieinhalb Stunden. Gäste wurden auch mit dieser sogenannten "Fahrenden Post" befördert, was den Vorteil hatte, dass die Gäste von Norden aus bis zur Insel durchfahren konnten. Ein Nachteil bestand darin, dass die Reisenden zunächst nur feuchte Sandbänke und Rinnsale zu sehen bekamen, jedoch noch keine wogenden Wellen.

Es gab immer wieder Beschwerden über den Zustand des Weges, und man machte gelegentlich Vorschläge zur Ausbesserung der Passage und zur Sicherung der Überfahrt. So wurde vorgeschlagen, die tiefste und gefährlichste Stelle durch die Auslegung einer Marke zu kennzeichnen. In Hilgenriedersiel, wo die Fahrgäste die Wagen zur Insel bestiegen, herrschte in der Badezeit viel Betrieb. In einem Gasthaus warteten die Inselbesucher, und der dortige Wirt war manchmal gar nicht mehr in der Lage, den Wünschen der vielen Personen gerecht zu werden. Die Zahl der Inselbesucher erhöhte sich bis zum Ende der hannoverschen Ära im Jahre 1866 auf 3.110, die Zahl der ständigen Einwohner stieg auf 1.431 an.

Es gab um 1866 eine Dampfschiffverbindung von Geestemünde nach Norderney; die Fahrt dauerte etwa sieben Stunden. Das Schiff verkehrte auf dieser Linie vom 1. Juli bis zum 30. September. Ein Emder Dampfschiff benötigte für die Fahrt von Emden nach Norderney etwa viereinhalb Stunden und ein in Leer beheimatetes Dampfschiff brauchte für die Überfahrt etwa sechs Stunden. Ein sogenanntes "Fähr-Paketschiff" war bei der Überfahrt von Norddeich nach Norderney etwa eine Stunde unterwegs.

Verantwortlich für den Inhalt: Johann Haddinga
Bericht in Heim und Herd 02.12.2017 (Beilage im Ostfriesischen Kurier)
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