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Norderney erzählt

Ein ostfriesischer Seehundjäger erzählt

Wenn Dichter, bedeutende Staatsmänner, berühmte Komponisten oder sonstige Männer des öffentlichen Lebens das 75. Lebensjahr erreichen, so schreiben die Berufenen, sofern die Männer etwas Bleibendes geleistet haben, einen ehrenden Gedenkartikel, denn 75 Jahre bilden immerhin eine gewaltige Summe von Leistungen und Erfahrung im Lebensstrom.

Wer aber erzählt von den vielen Männern, die auf irgendeinem Platz, auf den das Schicksal sie gestellt, ihre ihnen zugewiesene Aufgabe restlos erfüllten? Niemand! Sie drängen sich auch nicht auf, diese Männer. So bewußt sie im Leben ihre Aufgaben lösten, so bescheiden sind sie, wenn sie dem Geburtsjahr nach ein Jubiläum zu feiern haben. Aber gibt es nicht viele Männer in Ostfriesland, die allein schon durch ihren Beruf, ihre seltsamen und oft merkwürdigen Lebensgeschicke viel auszusagen vermögen! Ostfriesische Kapitäne, auf allen sieben Meeren der Welt zu Hause, steinalte und wetterharte Fahrensleute, mit den Schicksalen vieler Schiffe verbunden, alte Fischeroriginale, Leuchtturmwärter, Lotsen, die Vormänner der Rettungsboote, Strandvögte, Wattführer und Deichhauptmänner sind dabei, wie man sie nirgends im Reich findet.

Auch die Seehundjäger gehören dazu. Einer von diesen vielen ostfriesischen Seehundjägern, der jetzt 75 Jahre alt geworden ist, heißt Jans Jensen und wohnt auf der Insel Norderney. Wir haben ihn an seinem Geburtstag aufgesucht, und er hat uns aus seinem Leben erzählt. Mit der Jugend fängt es hier schon an. Als Jungens, damals wohnten sie in Westermarsch hinter dem Deich, ziehn sie auf den Buttfang nach dem Utlandshörn, sie graben Muscheln auf den Schillbänken, erleben gefährliche Abenteuer auf dem Meere. 13 Jahre sind sie alt, als sie beschließen, auf die Jagd nach Seehunden zu gehen, die damals noch nicht unter Naturschutz standen und zu jeder Jahreszeit geschossen werden konnten. Mit einem kleinen Beiboot fahren sie nach dem Kuppensand, einer Sandbank, und legen sich auf Anstand. Nicht lange liegen sie so, und der erste Seehund robbt auf ihre Sandbank. Jensen nimmt das schwere Gewehr, schiebt es auf einen Sandhaufen, zielt und drückt ab. Ein gewaltiger Knall dröhnt auf, die alte.Donnerbüchse, ein Beutegewehr aus dem Kriege 1870/71, fliegt mit einem mächtigen Ruck zurück. Jensen überschlägt sich, aber der Seehund ist getroffen - allerdings drei Backenzähne auch, die bedenklich im Munde von Jensen ins Wackeln gekommen sind.

So kommen die Jahre und gehen wieder. Jensen kommt als Fahrensmann weit in der Welt herum, einige Jahre arbeitet er als Deichsticker, doch seine große Liebe gehört der Seehundsjagd. Und da macht er sich! Er hat die feine Nase dafür, wie die Leute sagen. Seehunde tummelten sich damals noch genügend in den salzigen Fluten der Nordsee, faul lagen sie auf den Sandbänken. Aber diese Bänke mußte man kennen, wenn man Seehunde jagen wollte. Gab es Jäger, die mit Vorliebe den Birkhahn angingen, so gab es schon damals viele, die der Jagd auf Seehunde den Vorzug gaben. Und diese Männer kamen zu Jans Jensen. Berühmte Männer, Könige, Fürsten, Minister, hohe Staatsbeamte, Dichter und Forscher waren darunter, die Jahr für Jahr wiederkamen und mit Jensens schnittigem Segelboot "Welle" aufs Meer fuhren. Von diesen Jagden kann der alte Jensen viele Schnurren und Anekdoten erzählen. Er tut das mit einem Schmunzeln, und wenn er in seiner bedächtigen, besinnlichen Art diese Erlebnisse schildert, dann malt er in die Luft und unterstreicht alles mit lebhaften Gesten.

Mit dieser Vorliebe für Seehunde war auch der letzte König von Sachsen ausstaffiert, wie Jensen meint. So fuhren sie einmal nach dem Papsand und legten sich, nachdem sie mit einem kleinen Beiboot die Sandbank erreicht hatten, in den Sand. Aber kein Seehund ließ sich blicken.

"Wo sind denn seine Seekinder?" fragte Majestät August.

"Sie frühstücken noch", antwortete Jensen, "aber gleich ist ihr Frühstück vorbei, dann kommen sie hoch!"

Und wie gewünscht, tauchten plötzlich viele der glatten, schwarzen und nassen Köpfe auf und äugten nach den beiden Punkten hinüber. Allerdings blieben sie vorsichtigerweise in respektvoller Entfernung von der Bank in den Tiefen.

"Was macht man denn da, daß die Biester näherkommen?" forschte der König August.

"Majestät, du mußt mit den Ohren wackeln und mit den Armen rudern. So -" und Jensen machte das vor, wie das alle Seehundsjäger machen. August lachte, und dann tat er, wie Jensen ihm geheißen hatte, er wackelte mit den Ohren, ruderte mit den Armen und grunzte dabei wie ein Seehund. Und siehe da, die Seehunde kamen wirklich neugierig näher, so daß Majestät zwei kapitale Burschen schießen konnte. Als König August im nächsten Jahre wiederkam, sagte er als erstes zu Jensen: "Jensen, jetzt kann ich noch besser als mein Minister wackeln!"

Fürst Adolf von und zu Lippe-Detmold war ein passionierter Seehundsjäger, der Jahr für Jahr immer wiederkam. Dieser hatte eine Leidenschaft, er rauchte eine Zigarre nach der andern. Auch auf der Seehundsjagd. Und so lagen sie einmal wieder auf einer Sandbank und warteten auf die Seehunde.

"Warum kommen keine Seehunde?"
"Wir sind keine Seehunde, das sehen die schon von weitem", gab Jensen beklommen zur Antwort. "Wir müssen tun, als ob wir welche wären!"

Nun hatte Jensen im Boot immer einige Seehundsfelle bei sich, die er als Unterlage für feuchte Stellen benutzte.

"Hier", sagte Jensen, "du mußt dieses Seehundsfell über die Ohren ziehen, dann glauben die Seehunde, wir sind ihresgleichen!"

Jensen zog dem Fürst das Fell über und der wakkelte mit den Schultern, aber seine Zigarre rauchte er weiter. Jensen bekam einen Lachkrampf und konnte nicht aufhören zu lachen. Das Ergebnis: Jensen mußte von dem rauchenden Seehund eine Aufnahme mit dem Photoapparat des Fürsten machen, die später als rauchender Seehund durch die ganze Welt ging.

Ein dicker Minister aus Berlin war nicht so geduldig wie der Fürst und der König, und als die Jagd nicht gleich klappte, meinte Jensen, er müsse erst mal Männchen machen lernen, damit die Seehunde kämen. Auch der Minister lernte es. Auch mit Forschern war Jensen viel unterwegs, denn er kannte alle Inseln und seltsamen Pflanzen und Tiere auf den kleinsten Eilanden. Auch mit Dr. Otto Leege war er viel unterwegs. Und Otto Leege schrieb dem alten Seehundsjäger zu seinem Jubiläum, daß er sich noch gern und oft jener schönen Zeit erinnere, als sie gemeinsam die wundervollen Fahrten nach den Inseln unternahmen und dabei viel Neues auf den Inseln feststellten, was er für seine Forschungsergebnisse auswerten konnte.

Jensen hat alles gemacht, was mit der See zusammenhängt, er ist ein prächtiger Kerl, ein Seehundsjäger, wie er im Buche steht, er war ein alter sturmerprobter Schiffsführer, der auch manches Torpedoboot durch die schmalen Fahrrinnen gelotst hat.


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