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Norderney erzählt

Geldbergung bei schwerem Sturm

Gefahrvoll ist der Beruf der Männer, die als Rettungsbootbesatzung ihr Leben aufs Spiel setzen, um Fahrensleute aus See- und Lebensnot zu retten.

Vormann Johann Rass ist ein frischer Sechziger. Sein Vater, der in 26 Jahren 94 Seeleute dem Rachen der tobenden Nordsee entrissen hat, war sein Vorbild. Eigentlich waren Vater und Sohn "nur" Fischer. Aber das ist der höchste Ehrentitel, den die Küste den Männern zu geben hat, die vom Meer leben.

Als der Motor noch nicht erfunden war, war jede Lebensrettung im Ruderboot mit Lebensgefahr verbunden. Wenn die Nordsee brüllte und tobte und ein Schiff auf den Strand geworfen wurde, wenn die Schiffbrüchigen Notsignale gaben, weil der nasse Tod schon die Hände nach ihnen ausstreckte, fuhren die Männer los. Das waren Bilder von dramatischer Wucht.

Wenn früher, in rasender Sturmnacht, der Alarm "Schiff in Not" die Rettungsmänner zusammenrief, war die ganze Insel auf den Beinen.

Die Männer in Ölzeug und Südwester waren mit wuchtigen Schwimmwesten aus Kork umgürtet. Kaum, daß sie sich bewegen konnten. Pechfackeln rissen die Nacht auf. Sechs Pferde wurden vor den Wagen gespannt, auf dem das Rettungsboot lag. Es war unförmig und schwerfällig an Land, aber wendig im Wasser. Zehn Mann, alles Freiwillige und Fischer, wuchteten das Boot mit Armkraft gegen die Brandung. Der Vormann steuerte. Bei jedem Wetter. Bei jeder See.

Vormann Rass hat einmal etwas erlebt, was unwahrscheinlich wie Kinodramatik klingt. Aber die Augenzeugen leben fast alle noch.

Am 29. März 1925 tobte die Nordsee. Gegen Mitternacht gab der Hamburger Dampfer "Lavinia" Notrufe. Das Schiff war in der Nähe von Norderney gestrandet. Vormann Rass führte das Rettungsboot.

Er und seine zehn Männer hatten den ganzen Tag zu tun, um die Besatzung des Hamburger Schiffes aus schwerster Seenot zu bergen. Zu den Schiffbrüchigen gehörte auch die Frau des Kapitäns. Was muß sie durchgemacht haben, als sie auf der hin und her schwankenden Strickleiter das Schiff verließ, dessen Decksaufbauten von hohen Wogen überspült wurden. Als der letzte Mann in Sicherheit war, zitterten den Männern des Rettungsbootes alle Glieder. So ausgepumpt waren sie.

Kaum war die Rettungsbootsmannschaft wieder einigermaßen bei Kräften, hörte sie von den Schiffbrüchigen, daß die "Lavinia" voller Schätze war. Der Hamburger Dampfer hatte in London nach Hamburg Millionenwerte geladen. Sie trauten ihren Ohren kaum, als sie erfuhren, daß die "Lavinia" Gold und Silber in Barren für die Reichsbank in Berlin an Bord hatte.

Verflogen war die Müdigkeit. Im Nu war ihr Boot wieder flott. Raus, nichts wie 'raus. Etwa tausend Meter von der Küste entfernt, am Nordstrand, lag die "Lavinia". Noch immer ging die See himmelhoch. Die Schiffbrüchigen waren in Sicherheit. Nun aber 'ran an die Werte.

Meter für Meter preßte die Rettungsbootmannschaft ihr Ruderboot mit Muskelkraft an das Wrack. Die See hatte die Jakobsleiter weggerissen. Erst mußte eine Verbindung hergestellt werden. Einer warf von dem wild durcheinandergeworfenen Boot einen Haken in die Pardunen, nämlich in die Drähte, die den Mast seitlich abstützen. An diesem Haken war ein Tau. Die Verbindung war da.

Rauf aufs Schiff. Die Schiffbrüchigen hatten die Wahrheit gesagt. Oben, in der Nähe der Kommandobrücke, lag Gold in Kisten. Das Silber unten im Laderaum. Mit fliegenden Händen und wirbelnder Hast wurde Kiste für Kiste in Sicherheit gebracht.

Warum es die Männer des Rettungsbootes so eilig hatten? Als Wasserkantler wußten sie, daß ihnen jeden Augenblick durch Bergungsschiffe der Rang abgelaufen werden konnte. In der Tat jagten die Schlepper mit aller Musik ihrer Maschinen auch auf die "Lavinia" zu. Sie wußten, welche Werte in dem Wrack lagen.

Aber die Konkurrenz kam zu spät. Die Rettungsmänner hatten alles abgeborgen. Die Bergungsleute schimpften über die Konkurrenz und nannten die Norderneyer "Strandräuber". Aber die lachten darüber. Sie hatten allen Grund zum Lachen. Mit ihrer Knochenarbeit hatten sie 36 Kisten Gold von je 120 Pfund Gewicht und 580 Barren Silber von der schwer angeschlagenen "Lavinia" an Land gebracht.

Siebeneinhalb Millionen Mark Wert hatten diese Schätze. Das Seeschiedsgericht hatte der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger als Reeder des Bootes Norderney 110.000 Mark Bergelohn zugesprochen. Jeder der Bootsbesatzung bekam bar und ohne Abzug 3.600 gute Mark. Das war ein Batzen Geld. Ob sie sich gefreut haben! Vormann Rass hat sich für seinen Bergelohn das nette Haus gekauft, in dem er heute noch wohnt.

Wer wie der Vormann Rass und seine braven Männer zweihundert Leuten das Leben gerettet hat, hat oft den Hauch des Todes gespürt. Sie machen nicht viel aus sich. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie jedes Gespräch über ihre Leistung mit dem Satz abmachen: "Dor mok man nix van."


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