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Norderney erzählt

Strandung im Jahre 1716

In früherer Zeit war für die Bewohner der Inseln und der Küste die Strandung eines Schiffes immer ein besonderes Ereignis, das daher auch zumeist die gesamte Einwohnerschaft aufstörte, galt es doch für sie, sich den Bergelohn, der durchweg in einem Drittel des Ladungswertes bestand, zu sichern.

Es war am Nachmittag des 9. Dezember 1716, als im Nordosten der Insel Norderney der Dreimaster "De dry goode Friende" von Schweden kommend, mit einer Ladung Dielen, Sparren, Teer, Eisenstäben und anderem im Werte von 70 000 ostfriesischen Gulden auf den Strand lief, wobei die vier Schiffskanonen in den Sand gerieten, von denen aber zwei schnell wieder herausgeschafft werden konnten. Auf die Meldung und Angaben des Inselvogts Husius hin schickte der Berumer Amtmann Kettler den Vogt Ridding von Hage sowie den Burggrafen Ditzen zum Eiland, um den dortigen Beamten zu unterstützen; ersterer weilte vom 15. bis 19., letzterer vom 19. bis 24. Dezember auf Norderney.

Eine scharfe Überwachung war notwendig: denn Dornumersieler und Westerakkumersieler Schiffer fanden sich in der Nähe der Unglücksstätte ein, um sich im günstigen Augenblick eines Teiles des Strandguts zu bemächtigen. Die Bergung der Ladung ging wegen der Eisverhältnisse nur langsam voran, mit Ablauf des Monats waren nur etwa 2000 Dielen und 500 Eisenstäbe in Sicherheit gebracht. Erschwert wurde sie noch dadurch, daß in der Nacht vom 1. zum 2. Januar ein starker Sturm das Schiff sehr unsanft anfaßte und auch eine Menge Holz forttreiben ließ.

Nachdem die drei englischen Besitzer des verlorenen Schiffes benachrichtigt waren, setzte sich auf ihre Veranlassung der Kaufmann Lulof aus Amsterdam mit seinem Schwager Doekes aus Emden in Verbindung, dem auf sein Ansuchen gestattet wurde, einen Bevollmächtigten zur Bergung zu senden.

Interessant ist die Eingabe dieses Simon Doekes vom 16. Januar, die er auf Grund der Aussagen des Schiffskapitäns Duck an den Fürsten richtete. Er beklagte sich darüber, daß die Einwohner Norderneys, die doch Christen wären und durch diesen Unglücksfall gewiß ihren großen Vorteil von den Eignern der gestrandeten Güter zu erwarten hätten, sich bei der Bergung der Güter aber alles andere als christlich aufgeführt hätten. Er wolle aus den vielen Einzelheiten nur einige herausgreifen.

So hatte der Schiffsführer die Insulaner gebeten, das 75 Pfund Sterling im Wert betragende größte Schiffstau zu bergen, diese aber hätten es kurzerhand in vier Teile zerhauen und solchergestalt weggebracht in der irrigen Meinung, daß alles dasjenige, das in Stücke zerhauen oder zerbrochen ist, ihnen privatim allein zukäme. Gleicherweise hätten sie sich geweigert, den 18 Zentner schweren Anker in Sicherheit zu bringen, was ihnen mit gutem Willen möglich gewesen wäre; aber wahrscheinlich haben sie gerechnet, daß er, wenn erst alles erledigt, ihnen ohne weiteres zufallen würde, da die Gefahr eines Wegtreibens nicht bestand. Des weiteren habe sie der Kapitän dabei beobachtet, wie sie sich diese oder jene Sache angeeignet und an heimlichen Stellen vergraben hätten. Endlich bemerkt der Einsender noch, daß die Eiländer auf dem Standpunkt ständen, daß alles dasjenige, was sie auf dem Rücken nach ihren Häusern tragen, ihnen eigentümlich zugehöre und solchergestalt stehet Frau und Kinder mit am Strande und nimmt ein jeder einen Puckel voll, so viel er tragen kann, mit nach Hause.

Im weiteren Inhalt seines Schreibens berichtet er, daß noch über 5000 Eisenstäbe unter Wasser liegen, die, wenn die Einwohner fleißiger gewesen, zu einem guten Teil hätten bereits geborgen sein können. Er bittet, ihm zu gestatten, andere Arbeiter zum Bergen heranzuziehen, falls die Insulaner sich weiterhin starrköpfig verhalten und ihm keine hilfreiche Hand reichen sollten; er betont besonders, daß alles geborgene Gut auf das Eiland gebracht und nichts heimlich beiseite geschafft werde. Sodann weist er darauf hin, daß vieles von der Ladung bei Baltrum und längs der Küste des Harlingerlandes angetrieben ist, das aber zum größten Teil schon verschwunden ist. Daher bittet er, durch die Vögte und Auskündiger Haussuchungen abhalten und das gefundene Gut in Gewahrsam nehmen zu lassen, daneben auch für Bergung der noch triftigen Stücke Sorge zu tragen.

Wochen um Wochen dauerten noch die Arbeiten an, Schreiben, die Höhe und Art der Verteilung des Bergelohnes betreffend, gingen hin und her; immer wieder versuchte Simon Doekes für den Schiffskapitän sowie die drei Eigentümer unter Verbringung aller möglichen Gründe Erleichterungen zu erreichen; jedoch beharrte der Fürst, der in Kleinigkeiten wohl etwas nachgab, auf seinem Recht. 4082 Eisenstangen waren geborgen; nur stellte sich bei der Verteilung, bei der der Landesherr 1380 erhielt, heraus, daß 180 Stück nicht mehr vorhanden waren. Während der Vogt annahm, es könnte sehr leicht ein Zählungsfehler vorliegen, sagte Doekes aus, daß er genau wisse, daß Norderneyer in Delfzijl und Larrelt Eisen an den Mann gebracht hätten; dem Fürsten mußte der dritte Teil der fehlenden nachgeliefert werden. Die beiden Kanonen verblieben in Berum, das Eisen erhielt, nach Absetzung von 300 Stangen für den Hof, eine Witwe Blankenbiel in Emden, wofür deren Geldforderung in Höhe von 1050 Rthlr. an die fürstliche Hofhaltung hinfällig wurde; von den Dielen wurden hundert Stück zum Hofkantor nach Aurich zur Ausbesserung von dessen Wohnung gebracht.

Ganz ohne Streitigkeiten ging es bei diesem Strandungsfall, bei dem drei Mitglieder der 22 Mann starken Besatzung ums Leben kamen, nicht ab. Die Dornumsieler hatten sich fünf Balken angeeignet, die ihnen wiederum von ihren Nachbarn, den Westerakkumern, geraubt wurden, die allerdings nachher behaupteten, sie aus einem im Amte Esens belegenen Kolk geholt zu haben. Die Esenser Beamten berichteten über den Vorfall:

"Kurz nach der Wegnehmung aber sind die Dornumer in starker Mannschaft mit Gewehr versehen des nachts auf Westeraccumersiel gekommen und haben die Balken wieder abholen wollen in der Meinung, sie lägen vor des Deichrichters Ihne Janssen Türe, da sie bald in das Binnensiel und so weiter nach Dornumersiel hätten geflößt werden können. Wie nun dies nicht ohne Lärm hat zugehen können, so hat ein Zimmermann Johann auf Westeraccumersiel seine Türe geöffnet und zugesehen, ohne ein Wort zu sprechen. Da hat dann einer von den Dornumern ihn mit seiner Flinte derbe auf den Kopf geschlagen. Bald nachher hat ein Anderer, Peter Janssen, ausgekucht, welchem der Hanckcke Carstens (auch ein berüchtigter Strandräuber) von Dornumersiel mit der Flinte so aufs Haupt geschlagen, daß er wie tot niedergefallen und das Blut ihm vom Haupte abgeflossen ist, jedoch daß derselbe jetzo wieder besser, wiewohl ein großes Loch im Kopfe habend. Ein mehreres ist nicht passirt und haben die Dornumer die Balken liegenlassen müssen."

G. W.-L.

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