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Norderney erzählt

Aus dem Leben des Königs Georg V.

In diesem Monat sind 60 Jahre im Strome der Zeit versunken, daß König Georg V. als Kronprinz von Hannover zum ersten Male als Badegast auf der Insel Norderney erschien. Norderney, damals noch ein unscheinbares Fischerdorf, war in den vorhergehenden Jahren durch heftige Sturmfluthen arg beschädigt, und mehrere Dünen waren durch die Wellen weggerissen. Die Insulaner, sehr in Sorge um die Existenz der Insel, klagten dem Kronprinzen ihr Leid, der dann auch sofort versprach, Hülfe zu bringen. Er veranlaßte die hannoversche Regierung, Wälle und Buhnen aus mächtigen Granitquadern zu bauen, an denen die Gewalt der Fluthen sich brach und die die Insel vor fernerem Schaden sicherten. Seit der Zeit konnte sich Norderney in erfreulicher Weise entwickeln und sich durch die väterliche Fürsorge des hohen Protektorates zum Weltbade emporschwingen.

Der König liebte Norderney so sehr, daß er von dieser Zeit bis zum Jahre 1866 jedes Jahr drei Monate hier verbrachte, wo er in patriarchalischer Weise mit den Bewohnern verkehrte und den Badegästen ein stets generöser und liebenswürdiger Gastgeber war. Im Jahre 1841 traf auch der Herzog Joseph von Sachsen-Altenburg mit Familie auf Norderney ein, und es entwickelte sich bald ein erfreulicher Verkehr zwischen der herzoglichen Familie und dem Kronprinzen, namentlich zog den letzteren die älteste Tochter des Herzogs, Prinzeß Marie, so sehr an, daß hier der Grund zu der späteren Vermählung der beiden Fürstenkinder gelegt wurde.

Später begleitete die Kronprinzessin ihren Gemahl stets nach Norderney. Auch der Kronprinz Ernst August und die Prinzessinnen Friedrike und Mary haben dort einen Theil ihrer glücklichen Jugendzeit verlebt und erinnern sich noch gern jener Tage.

Eine der Hauptvergnügungen des Königs und des Kronprinzen waren die Spazierfahrten, die dieselben mit dem Schooner "Königin Marie" bei günstigem Wetter auf dem Meere machten, wozu auch Badegäste Einladungen erhielten. Die Bemannung des Schiffes bestand aus dem Kapitän, dem Steuermann und vier Matrosen. Der erstere, ein Einheimischer Namens Rass, zu welchem der König ein unbedingtes Vertrauen besaß, war der besondere Liebling des Königs und durfte sich manches erlauben, worüber die Hofherren oft in Aufregung geriethen; so redete er seinen hohen Herrn stets mit den Worten: "Ich will Sie was sagen, Majestät" an. Bei einer solchen Fahrt überraschte das Schiff ein ungewöhnlich heftiger Sturm, bei welchem die Wellen oft über Deck gingen, so daß die mitfahrenden Herren, worunter sich auch ein Graf M. befand, den Kapitän beschworen, sein Schiff heimwärts zu lenken. Der König, den Kapitän um seine Meinung fragend, erwiderte, es sei keine Gefahr vorhanden, und der Graf M. verstehe von der Schiffahrt nichts, er sei - auf M.'s körperliche Größe anspielend - "eine große Laterne mit wenig Licht".

Rass brachte das Schiff glücklich wieder in den Hafen. Ein anderes Mal, als der König von einer solchen Spazierfahrt zurückkam, begegneten ihm mehrere bekannte Damen, denen er von seinem schönen Schiff erzählte, und die er einlud, dasselbe am anderen Tage zu besichtigen. Der König fühlte sich am Arm berührt und Rass sagte im flüsternden Ton: "Ich will Sie was sagen, Majestät, es geht nicht, morgen ist Freitag, da wird reingemacht!" Lachend erwiderte Georg V.: "Nun, da bestimmen Sie einen anderen Tag."

Als dem biederen Kapitän Anfang der sechziger Jahre ein Sohn geboren wurde, erbot sich der König, denselben über die Taufe zu halten und ihm seinen Namen zu geben; der junge Insulaner ist heute allgemein unter dem Namen "Georg Rex" bekannt.

Wegen der Einweihung der Christuskirche in Hannover, die am 21. September 1864, dem Geburtstage des Kronprinzen stattfand, verließ der König früher als gewöhnlich die Insel. Auf Befehl des Königs mußten sich auch der Kapitän und der Steuermann der "Königin Marie" dem königlichen Gefolge anschließen und als Gäste im königlichen Schlosse wohnen. Noch lebende Personen, welche der Einweihung der Christuskirche beiwohnten, erinnern sich gewiß, unter den in Gold strotzenden Uniformen der Minister und Gesandten zwei einfache Männer in blauen Jacken gesehen zu haben, den Kapitän Rass und den Steuermann Cornelius.

Von der Mannschaft des Schiffes "Königin Marie" lebt nur noch ein Matrose in Norderney, die übrigen sind gleich ihrem Herrn, welcher am 27. Mai sein 82. Lebensjahr vollendet haben würde, längst entschlafen.

(H. H.-Z., 1901)

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