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VON JOHANN HADDINGA

"Hans Trimborn ist einer der wichtigsten Vertreter der Kunst in Ostfriesland während des 20. Jahrhunderts", schreibt Dr. Carsten Jöhnk, Direktor des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden, im Begleitbuch zu einer großen Ausstellung, die noch bis zum 5. Februar 2012 in den Räumen des Museums eine umfangreiche Auswahl aus unterschiedlichen Schaffensperioden des 1979 in Norden verstorbenen Malers und Zeichners bietet. Vom 4. März bis zum 17. Juni wird die Präsentation auf Norderney gezeigt.

Auf Drängen des Vaters sollte Trimbom ursprünglich Medizin studieren und den Arztberuf ergreifen. Doch kurz nach der Heirat mit der jungen Konzertpianistin Marta Trapp hatte sich der aus dem Rheinland gebürtige Künstler, der zugleich ein begnadeter Musiker und Komponist war, im Herbst 1919 entschlossen, nach Ostfriesland zu übersiedeln. Die Landschaft und die Menschen an der Nordseeküste faszinierten ihn zutiefst. Den entscheidenden Anstoß gab offensichtlich ein Besuch bei Freunden in Engerhafe. Im Oktober bezog das Paar ein geräumiges Haus an der Wilhelmstraße auf Norderney. Im Juni 1921 kam der Sohn Johannes zur Welt.

Norderney

Auf der Insel widmete sich Trimborn - unstet und unruhig, eigenwillig und anspruchslos - aus Leidenschaft und für den Lebensunterhalt der Malerei und der Musik gleichermaßen. Hier fand er zunehmend zu seiner eigenen Bildsprache. Im gesellschaftlich abwechslungsreichen Musikleben des Staatsbades wirkte er als Kapellmeister, spielte in einer Tanzkapelle und veranstaltete Kammerkonzerte. In dieser Phase lernte er aber auch einflussreiche Persönlichkeiten kennen, die ihn förderten und weitere Kontakte vermittelten.

In einem vom 17. September 1936 datierten Brief lud die auf Burg Berum, ihrem Witwensitz, lebende Fürstin Theda zu Innhausen und Knyphausen den von ihr hoch geschätzten Künstler vermutlich zum wiederholten Male ein, "demnächst hier her zu kommen und im Park und der weiteren Umgebung Lütetsburgs zu malen". Herr auf Schloss Lütetsburg war inzwischen ihr Sohn Wilhelm Edzard. Trimborn folgte dem Vorschlag und reiste ab 1937 häufig aufs Festland. Auf Empfehlung seiner Gönnerin wohnte er während der stets längeren Aufenthalte zunächst im westlich vom Schloss gelegenen Manningastift, einem früheren Ruhesitz für ältere, alleinstehende Damen, und auf Burg Berum.

Lütetsburg

Ende 1939, wenige Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gaben Hans und Marta Trimborn ihren Wohnsitz auf der zur Seefestung erklärten Insel Norderney auf und übersiedelten nach Lütetsburg, obwohl ihre Ehe nur noch auf dem Papier stand. Schon seit längerer Zeit hatte sich das Paar auseinandergelebt. Während Marta eine Unterkunft im Gebäude der Schlossgärtnerei bezog und für den Schlossherrn als Privatsekretärin tätig war, wohnte Hans bis Mai 1940 erneut auf Burg Berum, bis ihm ein Wohn- und Arbeitsraum in der Lütetsburger Vorburg zur Verfügung gestellt wurde. Zeitweise nutzte er wohl auch den Torturm als Atelier. Im Frühjahr 1945 wohnte er noch einmal im Manningastift und danach vorübergehend auch im Schlossgebäude.

So lebte das Ehepaar getrennt, aber zumindest noch verbunden in der Sorge um das Schicksal des Sohnes Johannes, der Anfang 1943 an der Front in Russland eine schwere Kopfverletzung erlitt und nach der Heimkehr in Kliniken und Sanatorien bis zu seinem Tod gepflegt werden musste.

In Lütetsburg lernte der inzwischen 50-jährige Trimborn die 19-jährige Pastorentochter, Organistin und Schwesternhelferin Maria Immer aus Norden kennen. Allen gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz gingen die beiden eine enge Bindung ein. Er porträtierte sie vermutlich erstmals 1941.

Trimborn war ein überzeugter Antimilitarist. Der Politik und den Zielen der nationalsozialistischen Machthaber stand er ablehnend gegenüber. Das Geschehen um ihn herum betrachtete er aus einer kritischen Distanz. Während der Kriegsjahre nahmen die NS-Funktionäre und die Öffentlichkeit den Künstler nur als Maler von unverfänglichen Landschaftsbildern, Stillleben und Porträts wahr. Seine politisch motivierten und zeitkritischen Werke wie beispielsweise das 1941 entstandene Triptychon "Krieg - Tod im Massengrab" hielt er im Verborgenen. So umging er ein Berufsverbot als "entarteter Künstler" und sicherte sich den Lebensunterhalt. Seine Bilder verkauften sich gut, vor allem über die Norder Farbenhandlung Egbert Wilts. Auch der Ostfriesische Kurier und besonders dessen Lokalredakteur Oskar Kraeft, ein Nationalsozialist, waren ihm wohlgesonnen. Trimborn porträtierte den Journalisten 1944. Der freundliche Kontakt überdauerte auch die Kriegszeit.

Im Sommer 1942 waren in den Schaufenstern der Firma Wilts Bilder von Trimborn und Herbert Dunkel zu sehen. Im Frühjahr 1943 beteiligte sich der Künstler in der Gräfin-Theda-Schule an der Ausstellung "Maler der Heimat". Im Januar 1944 überreichte die Niederdeutsche Bühne dem NS-Kreisleiter Lenhard Everwien als Dank für dessen Unterstützung ein Ölgemälde von Trimborn mit dem Titel "Tief bei Eilsum".

In seinem Lütetsburger Umfeld hat der Maler und Zeichner in den Kriegs- und Nachkriegsjahren Menschen und Ereignisse in Bildnissen und flüchtigen Skizzen festgehalten: Dorfbewohner, Frauen im Manningastift, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter/innen und Flüchtlinge, aber auch das Trümmerfeld nach einem verheerenden Bombenabwurf, bei dem am 11. Juni 1943 auf dem Schlossgelände zwei Gärtnerlehrlinge ums Leben kamen.

Als britische und polnische Offiziere kurz nach Kriegsende 1945 die noch in Lütetsburg anwesenden Zwangsarbeiter nach deren Behandlung durch die Deutschen befragten, wurde auch Trimborn vorgeladen. "Ich hatte - wie wir alle - große Angst", erzählte er später, "obwohl ich mir nichts vorzuwerfen hatte, aber ich fühlte mich mitschuldig an den Verbrechen, die an diesen armen Menschen begangen worden waren. Sie taten mir sehr leid, und deshalb habe ich ihnen ab und an heimlich etwas zu essen gegeben. Das war streng verboten und hätte schwer bestraft werden können." Während der Befragung in polnischer Sprache zeigten die ehemaligen Zwangsarbeiter immer wieder auf den verängstigten Maler. Am Ende einer langen, stillen Pause stand plötzlich ein polnischer Offizier auf, ging auf Trimbom zu - und salutierte vor ihm.

Arle

1946 stellte der Maler bei der britischen Militärregierung den Antrag, ihm das kleine Schießstandsgebäude - ursprünglich ein Schafstall - des ehemaligen Kriegervereins in Arle für seine Zwecke zu überlassen. Zwei Jahre danach, als die Ehe mit Marta geschieden wurde, hatte er dort im Ortsteil Komper einen Wohn- und Atelierraum und einen unbefristeten Pachtvertrag mit der Gemeinde. Im Januar 1950 reisten Trimborn und Maria Immer nach Oldenburg und heirateten dort im Beisein von Freunden. Danach zog das Ehepaar in das nunmehr zwar bescheiden, aber doch einigermaßen wohnlich eingerichtete Arier "Künstlerhaus". 1952 kam der Sohn Jan zur Welt.

1947 malte Trimborn auf Norderney - wie schon vor dem Krieg - die Decke des Restaurants "Marienhöhe" ein weiteres Mal aus. In den Jahren darauf realisierte er Wandmalereien für die Kreis- und Stadtsparkasse Norden sowie für Schulen in Aurich und Norden und beteiligte sich an mehreren Ausstellungen und öffentlichen Ausschreibungen für angewandte Kunst. Er war viel unterwegs. Zeitzeugen beschreiben ihn als einen leidenschaftlichen Motorradfahrer, der in seiner schwarzen Lederkluft sehr auffiel. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg konnte er bei vielen Gelegenheiten auch wieder sein musikalisches Talent entfalten. So trat er in ostfriesischen Lokalen mit einer Tanzkapelle auf, jazzte und malte mit Freunden und Schülern im Lütetsburger Gerd-Pottje-Haus, das Fürst Wilhelm Edzard der jungen Generation bis zum Abbruch zur Verfügung stellte. Mitte der 1950er-Jahre freundete er sich in Arle mit dem Lehrerehepaar Rolf und Ellen Loch an. Gemeinsam veranstalte man "Arler Kulturwochen".

Norden

1960 bezogen Maria Trimborn und Sohn Jan ein neues Haus am Kurzen Weg in Norden. Ihr Mann konnte sich vom Arier "Künstlerhaus", das zusehends verfiel, zunächst nicht trennen. Erst Ende 1963 fand er sich mit dem ständigen Wohnsitz in Norden ab. Am 10. Mai 1963 verlieh die Ostfriesische Landschaft dem seit 1919 in der Region lebenden Rheinländer das Indigenat. Dem Festakt blieb der Geehrte allerdings fern - "wegen Zahnschmerzen".

Hans Trimborn starb am 11. Oktober 1979, Maria am 2. Mai 2010. Die letzte Ruhestätte des Ehepaares befindet sich auf dem Friedhof in Bargebur.

Hans, Maria und Jan Trimborn auf dem Motorrad (Foto 1954)

Hans, Maria und Jan Trimborn auf dem Motorrad (Foto 1954)

 
Quelle: www.norderney-chronik.deLogo der Chronik© 2002-2019 H.-H. BartyZum Seitenanfang