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Norderney Kurier (Serie erschien vom 01.09.2017 - 13.10.2017)

1872 begann die Bodenspekulation

1870 wurde auf Norderney der erste Bebauungsplan aufgestellt. Wenn man die Planzeichnung der nördlichen Wohngegend zu den Lüttji Dünen betrachtet, kann man erkennen, dass vor 1880 schon einige Grundstücke bebaut sind. Für viele unbebaute Grundstücke sind aber be-reits Norderneyer Namen als Eigentümer im Grundbuch eingetragen.
Auch der von 1871 bis 1892 amtierende Kurdirektor auf Norderney, der Königliche Kam
merherr Freier von Vinke, hatte sich ein Grundstück an der Ecke Schulzen-/Benekestraße im Grundbuch eintragen lassen. Interessant ist auch, dass die Gemeinde nur das Dreiecksgrundstück, der heutige Onnen-Visser-Platz, sein Eigen nennen durfte. Alle anderen freien Grundstücke gehörten dem Fiskus und dem Domänenrentamt.
Die Lüttji Dünen waren aus heutiger Sicht bis zur vollen Bebauung im Jahr 2017 immerhin über 100 Jahre Spielplatz für die Kinder der dort angrenzenden Wohngegend. Für die heutigen Bewohner ist es ein Glück, dass das um 1950 geplante "Maritim-Hotel", ein Hochhaus vor der Georgshöhe zum Januskopf, nicht gebaut wurde. Wenn man heute den alten Plan analysiert, kommt der Gedanke auf, dass es bis heute eine ruhige und zentral gelegene Wohngegend geblieben ist und es möge in Zukunft auch so bleiben.
1866 ging Georg V. nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen ins Exil. Norderney wurde preußisch und die Seebadeanstalt wurde dem königlichen Finanzministerium in Berlin unterstellt. Allen Erbpächtern auf Norderney wurden ihre Grundstücke durch Grundbucheintragung als Eigentum überschrieben.
1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, und Preußen brauchte nach dem Krieg gegen Frankreich Geld. 1872 begann auf Norderney die Bodenspekulation. 44 Besitzer wechselten ihre Grundstücke. Bisher waren auf Norderney viele Grundstücke in Erbpacht durch das Rentamt vergeben und der Fiskus, also der Staat, verkaufte auf einer großen öffentlichen Veranstaltung Bauplätze "an bester Lage" an Privatleute. Diese Gelegenheit nahmen wohlhabende Bürger wahr und ließen ihre vom Staat gekauften Grundstücke im Grundbuch eintragen.
Die Grundstücke der Benekestraße 3, 4, und 56 kaufte der Bäckermeister Benno Meinders aus der Wedelstraße 2 und 3. Meinders erwarb auch das ganze Gebiet südlich der Gartenstraße zwischen Janusstraße und Napoleonschanze. Dieses Gelände war der fruchtbarste Boden auf Norderney. Der um 1900 zugezogene Neubürger Gärtnermeister Friedrich Namuth pachtete zunächst einen großen Teil des fruchtbaren Bodens und machte sich selbstständig. Später kaufte er es von Meinders-Erben.
Interessant ist auch die Benekestraße, benannt nach dem "Geheimen Medizinalrate ordentlicher Professor Dr. Friedrich Wilhelm Beneke", geboren 1824 zu Celle, gestorben 1882 in Marburg. Im Frühjahr 1882 eröffnete Prof. Beneke ein provisorisches Kinderhospiz an der Marienstraße 13. Nach seinen Angaben ist die 1886 fertiggestellte Kinderheilstätte "Seehospiz Kaiserin Friedrich" in Betrieb genommen worden. Ihm zu Ehren wurde von der Gemeinde beschlossen, die Straße, an dem das Hospiz stand, nach ihm zu benennen. Da die Planungsarbeiten und die Finanzierung etwa neun Jahre dauerten, nannte man den damaligen Weg, der noch aus Sand bestand, dann aber Benekestraße.
Auch die Wiedaschstraße wurde nach einem Mediziner genannt. Der Sanitätsrat Dr. A. Wiedasch hatte sich als Badearzt hier niedergelassen. 1867 verstarb er auf der Insel. Wegen seines guten Ansehens bekam dieser Sandweg seinen Namen. Um 1950 wurde dieser letzte Sandweg im Ort gepflastert.

Planzeichnung
Ab 1880 gab es eine neue Planungsordnung. Unter dem amtierenden Bürgermeister C. H. Kuhlmann wurde diese erste Katasterplan-Zeichnung für die Gemeinde Bestandteil einer Bebauung von Grundstücken. Gut zu erkennen ist, wie nach der Freigabe von fiskalischen Grundstücken vermögende Bürger ihre käuflich erworbenen Grundstücke im Grundbuch eintragen ließen. Die Planzeichnung wurde vom Katasteramt Emden erstellt. Ab 1892 war das neue Katatasteramt Norden für die Insel zuständig.

Die historische Postkarte zeigt die Benekestraße um 1911
Die historische Postkarte zeigt die Benekestraße um 1911 mit Häusern, die schon um 1880 erbaut wurden. Die Fahrbahn ist um 1911 noch ein Sandweg. Nur der gepflasterte Bürgersteig vor den Häusern ist zu sehen. Weil der Zustand vieler Straßen im Ort so aussah, wurde von der Gemeinde ein Gesetz geschaffen, das ein Bußgeld vorsah, wenn die Eigentümer bis 7 Uhr morgens die Straße nicht gesäubert hatten. Ganz hinten ist die Aussichtsdüne des Kinderheims Seehospiz zu sehen, im Vordergrund die Schulzenstraße. Die Wiedaschstraße befand sich vor den Häusern rechts der Benekestraße.

Benekestraße von Osten aus
Das Foto zeigt die Benekestraße von Osten aus, rechts ist die Schulzenstraße zu sehen. Die kleinen Häuser wurden um 1880 gebaut. Ganz rechts ist die "Villa Alida" und links hinten die "Villa Ost- ende" mit der um 1908 erbauten doppelstöckigen Veranda zu sehen. Das Haupthaus wurde 1892 errichtet. Heute besteht der Straßenbelag der Fahrbahn zwischen Lucuisstraße und Frisiastraße aus dem ältesten Pflaster der Insel - rotblauer Klinker in versetzter Rollschicht verlegt. Die Klinkersteine wurden in ostfriesischen Ziegeleien gebrannt.

Ortsplan von 1879
Auf dem Ortsplan von 1879 sind östlich der Winterstraße viele Freiflächen eingezeichnet. Auch die Moltkestraße ist außer einem Teil der "Bremer Häuser" noch nicht bebaut. Gut zu erkennen ist auch das Gebiet nordöstlich von Schulstraße/Schafsweg, der heutigen Jann-Berghaus-Straße, das katastermäßig schon erfasst war. Nach der Fertigstellung des Katasterplanes von 1880 wurde somit von der Behörde eine enorme Planungsleistung erbracht.


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